Preußisches Bleisatz-Magazin
Satire

Weltmeister 3.915 views 1

Vorwort:
Aus gegebenem Anlaß möchte ich explizit und prophylaktisch, also ausdrücklich und vorbeugend, darauf hinweisen, daß es sich bei diesem Text um eine Satire handelt.
Dies bedeutet konkret und im einzelnen:

1. Ich halte den Kampf der faschistischen Deutschen Wehrmacht in Stalingrad weder für ehrenvoll, noch für im positiven Sinne todesmutig. Ich will ausdrücklich daran erinnern, daß Nazi-Deutschland die friedliche Sowjetunion 1941 mit einem Vernichtungskrieg überzog. Schlußendlich danke ich der Roten Armee, den US-Streitkräften, den Truppen des British Empire (Imperium) und den freien französischen Soldaten und ihren Kolonialtruppen  für unsere Befreiung vom Nationalsozialismus. Der SPIEGEL spricht mir aus der Seele mit seinem pulitzer-verdächtigen Werk «Als ein Volk die Welt überfiel». Wir, das Tätervolk. Man reiche mir den Aschekübel, auf daß ich mein schuldig‘ Haupt bestreue.

2. Ich hege keinerlei fremdenfeindliche Ressentiments gegen Italiener oder Angehörige anderer Nationen. Ich bejahe die freiheitlich-demokratische Grundordnung der BRD und aller Nationen der westlichen Welt in vollem Umfang, bin glücklich für die Gnade der späten Geburt, die mich als Deutschen zwar automatisch zum Mitverantwortlichen, jedoch ohne persönliche Schuld macht. Und zwangsläufig (siehe SPIEGEL) schäme ich mich meiner Volkszugehörigkeit.

3. Dies ist ein unpolitischer Text. Eine Satire. Also eine Schmähschrift. Und zwar zu meinen Lasten, selbstironisch mich als tumben Teutschen entlarvend. Im Sinne eines Kurt Tucholsky, eines Berthold Brechts, um nur zwei von mir in tiefer Demut verehrte Vertreter dieser Gattung Literatur zu nennen.  (Diese tiefe Demut ist aber nun wirklich einmal nicht ironisch gemeint.)

4. Lesen Sie bitte nicht weiter, wenn Sie die zuvor angeführten Punkte nicht akzeptieren können. Der nachfolgende Text könnte Ihre Seele irreparabel schädigen, Sie könnten sich verletzt fühlen. Ich übernehme keinerlei Verantwortung, wenn Sie dennoch weiterlesen und lehne vorsorglich jegliche Regressansprüche ab.

Ich versichere dies an Eides statt.

P.S.: Eigentlich möchte ich Sie nur ein bißchen zum Lachen bringen. Aber wir können auch gern dazu in den Keller gehen. Auch dies wäre typisch teutsch.

Jetzt geht es aber wirklich los:

Egal, was Sie Ungewöhnliches erlebt haben, egal, wie authentisch es ist, wie großartig, wie einmalig. Wenn Sie es einem Italiener erzählen, hat der — was für eine Überraschung — gerade in der vorigen Woche exakt dasselbe erlebt. Nur eine Spur authentischer, großartiger, einmaliger. Es gibt keinen Superlativ für das Wort «einmalig»? Glauben Sie mir, bitte: im Italienischen schon. Ich habe fast 25 Jahre lang endlose Versuche gemacht, einen italienischen Schwager — aber so ‚was von typisch italienisch… — davon zu überzeugen, daß auch andere Menschen, also z.B. ich, Ungewöhnliches erleben. Er hatte immer noch einen draufzusetzen, wußte mein Erlebtes zu steigern bzw. sein eigenes Erlebnis zu erhöhen, um so das meine niederzureißen, als banal hinzustellen und mit einer wischenden Handbewegung und einem verächtlich gezischten «Affanculo» auf den Kehrichthaufen des Nichtssagenden zu wischen. Nein, ich werde Ihnen nicht erklären, was «Affanculo» bedeutet. Sie können ja googeln. In letzter Not, gepeinigt vom Gefühl des ungerecht Behandelten, wies ich dann häufig darauf hin, daß es gerade die Italiener waren, die vor Stalingrad als erste die Gitarre einpackten und sich verdünnisierten, als der Russe angriff. Sie hörten erst auf zu Laufen, als sie Rom erreichten, wechselten dann auch noch im richtigen Moment die Seiten und ließen sich von den Alliierten befreien. Natürlich mutierten sie dann zu wackeren Antifaschisten. Was soll man zu einem solchen Volk noch sagen, bitte? Eigenartigerweise gab mein Schwager mir an dieser Stelle immer recht, fragte nach der deutschen Stalingrad-Armee und deren Verbleib. Kam ich dann mit Begriffen wie Ehre, Todesmut und Treue, nahm er seine blöde Gitarre und sang das italienische Partisanen-Lied «Bella Ciao». Er sang das auch nachts um 2:30 Uhr im Garten seines Hauses. Was eine iranische Exil-Familie in der Nachbarschaft zur Verzweiflung trieb. Und mich mit ihm versöhnte. Nun ja. Geschichte.

2006 wurde die Fiktion dann natürlich auf alle Zeiten in Zement gegossen und somit Realität. Im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, die wir Deutsche als «Weltmeister der Herzen» abschlossen — was für ein zutiefst besch… Titel. Egal. — provozierte der italienischer Spieler Marco Materazzi so lange  Gott, bis dieser ihm — ich verstehe das sehr gut, siehe obige Beschreibung meines Schwagers — einen zugegeben derben Kopfstoß verpaßte. Gott? Naja, klar: Zinedine Zidane. Allein für den Namen müßte man ihn adeln. Sir Zinedine oder so… warum nicht? Wie auch immer… seit 2006 ist es vorbei. Keine Chance mehr. Die Italiener sind Weltmeister. Seit diesem Jahr haben sie Narrenfreiheit, unsere Italiener. Ja, «unsere». Sie sind ja völlig integriert. Heiraten deutsche Frauen, bringen denen bei, italienisch zu kochen oder kochen selbst, wenn die dazu nicht in der Lage sind — warum auch immer. Am Kochen soll es nicht scheitern. Gibt wichtigeres für einen Italiener, ne?

Man kann es so zusammenfassen: Italienische Operetten sind keine fiktiven Geschichten mit Gesang, sondern Dokumentationen. Sie beschreiben, wie es wirklich ist, das italienische Leben. Immer die große Szene, immer laut plärrend, extrovertiert, machohaft. Leben kann ich damit, weil Italienern — jedenfalls denen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte, eines fehlt: Bösartigkeit. Man spielt manchmal mit dem Gedanken, sie kräftig zu schütteln oder sie an die Wand zu klatschen. Sie sind großmäulig und schwanzfixiert. Aber nicht bösartig. Immerhin etwas. Ach ja: Und die italienische Küche hat was. Alles in allem wünschte ich mir manchmal ein ganz klein wenig von der italienischen Leichtigkeit das Leben zu leben. Aber gut. Das geht halt nicht. Ich bin Deutscher. Nie im Leben wäre ich geflitzt in Stalingrad. Ich, die deutsche Eiche, nicht.

Wie ich überhaupt auf das Thema komme? Nachfolgend die Mitschrift eines Telefonates mit Mario, einer neuen Aushilfe, die ich gelegentlich beschäftigen möchte. Mario kommt — natürlich — aus Rom. 90 Prozent der Italiener, die Sie fragen, werden Rom als Herkunftsort angeben. Der Rest nennt Norditalien. In Süditalien leben keine Menschen, vor allem nicht in Apulien oder Sizilien. Beides scheinen No Go-Areas zu sein. Ich weiß nicht, warum. Beim Vorstellungsgespräch betonte Mario, wie fleißig und pflichtbewußt er sei, ja, fast schon deutsch, weil er ja auch fast hier geboren sei, jedenfalls schon mit 13 Jahren nach Deutschland kam. Er kann nicht Lkw fahren, weiß auch nicht, wie man einen Gabelstapler fährt, ist klein und schmächtig, «aber zäh!» wie er betonte. Gut. Ein Italiener halt.

«Du bist eingestellt. Morgen kannst Du anfangen. 8:45 Uhr. Pünktlich, bitte.» — «Morgen schon? Oh, schlecht, Chef. Morgen muß ich noch… [ich habe es tatsächlich vergessen, was er noch mußte. Es war ja auch nicht wichtig. Er würde nicht kommen. Aber ich brauchte dringend eine Aushilfe.]. «Gut. Wann kommst Du?» — Donnerstag, okay?» — «Gut. Donnerstag, 8:45 Uhr. Bring unbedingt mit: Sozialversicherungsnummer, Kontoverbindung.“

Donnerstag, 9:30 Uhr: Mario erscheint. Strahlend, schon fertig im Blaumann. «Alles klar, Chef. Da bin ich.» — «Ich brauche Deine Daten: Kontoverbindung, Sozialversicherungsnummer.» — «Oh, habe ich vergessen, Chef. Bringe ich morgen mit.» — «Geht nicht. Ohne Sozialversicherungsnummer kann ich Dich nicht anmelden. Ohne Anmeldung keine Arbeit. Basta.» Er überlegt, wir rufen Klaus an, einen Freund von mir, auch selbständig. Er beschäftigt Mario regelmäßig. Klaus ist so nett und schickt mir die Daten sofort per Email. Es ist 10:30 Uhr. «Jetzt kann’s losgehen, Chef.» Ich sage nichts, bringe ihn in die Halle, zeige ihm Werkzeuge, Materialien, teile ihm seine ersten Aufgaben zu. Die Arbeit ist stumpfsinnig. Nichts, was irgendeinen Menschen auf der Welt geistig befriedigen könnte. Mario muß Metalle trennen. Buchdruck-Formen, die wir regelmäßig ankaufen, bestehen aus unterschiedlichen Materialien: Aluminium, Blei, Eisen, Messing, Zink. Metalltechnisch gesehen ist eine solche Buchdruck-Form Mischschrott und bringt mit Glück 10 ct./kg. Trennt man die Metalle, haben sie einen wesentlich höheren Wiederverkaufswert. Die Arbeit ist schmutzig, die Materialien sind sehr schwer, die Arbeit ist auch nicht ungefährlich. «Hier sind Staubmasken. Zieh die auf, das ist sicherer. Trag‘ immer Deine Sicherheitsschuhe, wenn Du in der Halle bist. Wenn ich Dich einmal ohne erwische, fliegst Du raus. Spiel nicht am Stapler rum, das Ding kann hundsgemein sein. Mach hier nichts selbständig. Frag‘, wenn Du mit der zugewiesenen Arbeit fertig bist, dann gebe ich Dir neue. Ich bin im Büro.»

Der Donnerstag verlief soweit gut. Er muß sich halt noch einarbeiten, aber er ist fleißig. Wirklich. Wenn er da ist.

Freitagmorgen, 8:10 Uhr, Telefon:

„Hallo, wie gehts? Hier ist der Mario.“
Lange Pause… Er sagt nicht, was er will.
„Gut. Was gibt’s?“
„Ich wollte fragen, ob ich heute kommen soll.“
„Ob Du kommen sollst? Was sonst? 8:45 Uhr, wie besprochen.“
„Ja, ich weiß auch nicht…“
„Was weißt Du nicht? Ob Du kommen willst? Warum hast Du angerufen?“
„Ja, doch. Eigentlich schon.“
„Gut. 8:45 Uhr.“
„Ouh… so früh? Ich weiß nicht, wann der Bus fährt? So wie immer?“
„Also 8:45 Uhr?“
„Lieber 9 oder 1/2 10.“
„Mario, Du gehst mir auf die Nerven. Komm oder bleib weg. Aber mach eine klare Ansage.»
«Schon gut, schon gut. Bin gleich da.»

10:30 Uhr. Mario ist da. Wir ändern die Arbeitszeiten. Nicht mehr von 8:45 Uhr bis 17 Uhr, sondern von 10:30 Uhr bis 19 Uhr. Falls er überhaupt kommt.

Weltmeister…

  1. Kommentar by Thomas Kersting — 16. April 2010 @ 23:48

    Eine schöne Geschichte aus dem Leben eines „Deutschen“ im 21. Jahrhundert. Mit dem Hinweis auf Stalingrad revanchiert sich der Autor sicher für einige erlittene Kränkungen inklusive Weltmeisterschaft oder war er etwa mit der „Kamera in Stalingrad“ dabei? Noch ein Hinweis für den Gebrauch von Italienern: Verwendet er „certamente“ (dafür gibt es mindestens 18 Übersetzungen) in seinen Ausführungen, so weiß er und ich, dass er übertrieben hat! Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft habe ich natürlich im „Biergarten“ eines Freundes in Italien auf einem Großbildschirm gesehen – das Grinsen beim „Buona note“ ist mir unvergesslich!

    Vor einem guten halben Jahrhundert war ich schon in Italien, obwohl offiziell noch garnicht vorhanden, und seitdem auch regelmäßig. Meistens bin ich direkt in der Toskana hängengeblieben – „nur Esel und Deutsche bleiben im Sommer in Rom (oder Mailand)“. Übrigens, die Toskaner verwenden alternativ auch gerne „vai in culo“. Jedenfalls, dort habe ich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Bürgermeister kennengelernt (er hatte allerdings mehr Interesse an meiner Mutter), der sah aus wie Stalin und gehörte natürlich der kommunistischen Partei an. Nach einigen Flaschen Spumante wurde dann auch das Lied gesungen:

    Bandiera rossa (rote Fahne)
    Avanti o popolo, alla riscossa,
    Bandiera rossa, Bandiera rossa.
    Avanti o popolo, alla riscossa,
    Bandiera rossa trionferà.

    Refrain:
    Bandiera rossa la trionferà
    Bandiera rossa la trionferà
    Bandiera rossa la trionferà
    Evviva il comunismo e la libertà.

    Die letzte Zeile wurde dem alten Arbeiterlied erst unter Mussolini angefügt.

    Beim Thema Singen fällt mir noch ein, dass die Operette nur eine reine deutsche – und natürlich österreichische – Erfindung ist! Die Italiener haben auf jeden Fall die Oper perfektioniert und ansonsten einen wunderschönen Fundus an Volksliedern wie, „O sole mio, Santa lucia, A vucchella“ etc. Die Operette verbreitete sich im deutschsprachigen Raum erst seit den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts durch Franz Lehar (und Richard Tauber als Interpret), Emmerich Kallman, Leo Fall, Paul Linke usw. Eine weitere, rein deutsche Erfindung ist das „Lied“ (Franz Schubert, Robert Schumann, L. v. Beethoven, Hugo Wolf…). Die Franzosen haben zwar den „Changsong“ oder die „Opéra comique“, die Spanier die „Zarzuela“, was alles wieder in Richtung Operette geht und mit dem „deutschen Lied“ nicht zu vergleichen ist.

    Haben Sie schon einmal einem Sizilianer eine Wohnung vermietet? Nein – gut so; denn der Mietzinsrückstand erhöht sich proportional zur Mietdauer. Wie die Geschichte erzählt, gibt es fast nur Norditaliener und ein solcher Mieter ist tatsächlich ein Fortschritt, da sein Mietrückstand sich nur linear zur Mietdauer erhöht.

    Die Geschichte mit Mario – köstlich und doch traurig, denn das Geschilderte ist heute nicht mehr nur nationalitätenabhängig, sondern bezeichnend für die ganze Generation: Nicht Leistung, sondern Dasein gibt das Recht auf ein „angemessenes Leben“ wie es auf den Privatsendern vorgelebt wird. Der Einfältigste H-IV-Empfänger bekommt dort Gage und eine Bestätigung des Selbstbewusstseins für die Erläuterung seines A..i-Einkaufswagens (Bier, Zigaretten und … Käse). Von der Politik bekamen seine Eltern schon Jahre vorher versprochen: „Jeder möd ene Rolls-Royce han! (BAP)“. Der bekannte Psychologe Dr. Michael Winterhoff prophezeit uns eine Generation von Auszubildenden, die weder in der Lage ist, Aufgaben auszuführen, noch Verantwortung zu übernehmen und daher einfach unbrauchbar ist.

    Auf jeden Fall musste ich in den letzten Jahren in den Städten und Städtchen Italiens feststellen, dass die Italiener unter der selbstherrlichen, diktatorischen Herrschaft ihres gelifteten Medienmoguls, ihr Temperament verloren haben. Das Schnarren der Piaggio-Roller, das Quäken der Ape und das Hupen des Cinquecento tags und nachts in den alten Gassen gibt es nicht mehr. Wie schön war das Leben der Nächte in Mestre, Siena oder Elba in diesem Leben. Heute ist jegliche Lautäußerung des Lebens schon am Ortseingangsschild verboten. Der Italiener ist kastriert!… Es gibt noch ein paar Wenige, die auf der autostrada del sol mit ihrer Brikettkiste (schwarzes oder anthrazitfarbenes Auto) 138,5 km/h wagen. Und trotzdem halten sie zu ihrem Dottore, denn er macht, was sie auch machen, nämlich sich über Gesetze hinwegsetzen. Hält der Italiener sich an ALLE Gesetze, hätte er keine Luft mehr zum Atmen, also wird geschummelt.

    Andererseits hat sich das Verhältnis der Italiener zur Arbeit wenig verändert: Bestelle ich bei Tonio (Name verdingst) 4 Kubikmeter Trinkwasser für die Hauswasserzisterne (Wasserleitung gibt’s hier in der Toskana noch nicht) heißt es „forse domani“ und wann kommt er: Heute Nachmittag und holt mich überraschend vom Strand. Andererseits kenne ich Fälle, wo der brave Bürger regelmäßig im Rathaus vorspricht, um seine Grundsteuer zu zahlen und seit einigen Jahren erklärt bekommt: der Vorgang liegt nicht vor, es ist noch nichts berechnet, kommen sie nächstes Jahr wieder usw…

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