Preußisches Bleisatz-Magazin
Vom Kommenden

Fragen an Gott 5.338 views 3

Lieber Gott,
ein Gespräch mit Dir erscheint mir schwierig. Denn Du weißt ja schon alles. Nicht nur, was mir meine Zukunft bringt, sondern auch, wie eben dieses Gespräch verlaufen wird. Was ich Dich fragen möchte, was Du antworten wirst — falls Du antwortest. Oder warum Du gar nicht antworten wirst. Ich verstehe das schon. Du hast sicher viel zu tun. Und mußt Dich um alles kümmern. Und an das Märchen, daß es keine dummen Fragen gibt, glaube ich auch schon lange nicht mehr. Sei’s drum. Ich schreibe Dir jetzt einfach einmal einen Offenen Brief. Vielleicht reicht das ja schon, um ein wenig Klarheit zu bekommen.

Für mich steht außer Frage, daß es Dich gibt. Wer wäre schon so blöd, jemandem einen Brief zu schreiben, der gar nicht existiert, mh? Ich weiß auch, daß Du mich zu Dir nimmst, wenn es Zeit für mich ist. Ich denke wirklich, daß ich alles in allem kein allzu schlechter Kerl war. Also warum sollte Du mich nicht zu Dir nehmen wollen? Und das war schon die erste blöde Formulierung. «Liebst Du mich?», habe ich immer von ihr wissen wollen. «Wäre ich sonst noch mit Dir zusammen?», erhielt ich regelmäßig als Antwort. Naja. Vergiß bitte meinen letzten Gedankengang. Ich will gar keine linke Kiste mit Dir versuchen, nur ein bißchen plaudern.

Paß auf… (nicht böse sein, wenn ich das schreibe. Ich weiß natürlich, daß Du sowieso immer aufpaßt. Das ist nur eine Floskel, wenn ich mich konzentriere). Also paß auf: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Der ist nur eine Art Tor, das jeder irgendwann durchschreitet. Und dann ist er bei Dir. Das habe ich verstanden. Aber jetzt aus der Sicht desjenigen, der dann «drüben» bei Dir ist: Es macht doch nur Sinn, wenn man sich dann an seine hiesige Existenz erinnert, oder? Weil einem doch nur so der Gedanke an ein Jenseits Trost geben kann. Weiß ich nichts mehr davon, wenn ich «drüben» bin, dann weiß ich doch auch nicht, daß da vorher etwas anderes war. Verstehst Du, was ich meine? Kannst Du mir das, bitte, erklären? Und noch etwas: Wenn «dort drüben» das ewige Leben ist… dann gibt es doch ganz automatisch auch kein sich Weiterentwickeln, richtig? Weil sich doch alles irgendwann wiederholt. Und die schiere Glückseligkeit als Dauerzustand? Das wäre wie ein ewiger Heroin-Flash. Was hat es auf sich mit dem ewigen Leben, bitte?

Ich mag mich nicht beklagen. Der Schutzengel, den Du mir in frühen Jahren zur Seite gestellt hast, hat wirklich gute Arbeit geleistet. Wäre er nicht gewesen, wäre ich schon dreimal bei Dir; mindestens. Du weißt ja… naja. Ich verstehe schon, daß man für alles im Leben einen Preis bezahlt. Und vielleicht bin ich jetzt zu subjektiv, aber ich empfinde es so, daß ich in den letzten Jahren heftig habe zahlen müssen. Der schwere Herzinfarkt (ja, ja: Heute sprechen wir halt mal über das «Ereignis, über das wir nie mehr reden wollen». Und die Trennung meiner Frau mitten in der Behandlung hat mir beinahe den Rest gegeben. Lach‘ nicht (würdest Du eh nicht, ich weiß schon), aber letztendlich bin ich nach 14 Monaten Trennung zu dem Schluß gekommen, daß mir überhaupt nichts besseres hat passieren können. Ich selbst hätte eine solche Entscheidung nie getroffen. Allein schon wegen dem «bis daß der Tod Euch scheidet». Sie hat das halt anders gesehen. Aber es ist in Ordnung so. Ich habe mich tatsächlich auf mein neues Leben als Alleinstehender gefreut. Bloß nie wieder eine neue Beziehung. Das will ich nicht mehr. Aber sofern meine neue, kleine und bescheidene Existenz gesichert ist — und ich bin schon fast soweit, oder?, bin ich doch ungemein frei. Ich kann so ziemlich tun und lassen, was mir gerade einfällt. Und wenn es mir körperlich wieder richtig gut geht — so dachte ich — könnte ich auch einmal verreisen. Nichts großes. Mich einfach in einen Zug setzen und solange in eine beliebige Himmelsrichtung fahren, bis mir der Hintern vom langen Sitzen weh tut. Dann aussteigen und mir das Städtchen oder was immer dort ist, anschauen, vielleicht dort übernachten, wenn es mir gefällt und dann zurückfahren.

Nun scheintst Du etwas neues mit mir vorzuhaben. Mir macht das tüchtig Angst. Der Kleine Mensch tief in mir drinnen ist völlig erstarrt vor Panik und zwischendurch kommen mir die Tränen, ganz egal, wo ich gerade bin. Ich versuche, das alles weit wegzuschieben, aber das gelingt mir nicht sonderlich gut. Alles, was ich darüber im Großen Weltnetz finde, klingt ziemlich heftig. Nein: elendig schlimm. Ich weiß schon, daß ich Dir keinen «Deal» vorschlagen kann. Dazu bist Du nicht der Typ. Nun reagier‘ bitte nicht gleich sauer. Wenn ich als Kind eine Entscheidung meines Vaters auch nur hinterfragt habe, dann bekam der einen roten Kopf vor Wut. Er rollte mit den Augen und machte mir fürchterliche Angst. Wahrscheinlich empfand er mein Fragen als eine Art Infragestellen seiner Autorität. Nun ja. Viele Jahre später stritt ich einmal mit meiner Tochter herum. Ich weiß gar nicht mehr, worum es geht. Und dann schrie die mich plötzlich an «Und Du mußt jetzt auch nicht so mit den Augen rollen vor Wut. Das beeindruckt mich kein bißchen!» Ich war so verblüfft, daß ich laut lachen mußte wegen ihres Mutes. Also: Werd‘ nicht sauer, bitte. Ich frage ja nur: Kannst Du diese ganze Scheiße nicht einfach an mir vorübergehen lassen? Muß doch irgendwann auch einmal gut sein. Ich komme schon, wenn es an der Zeit ist. Aber ist es das wirklich schon? Ich will ja nicht betteln, aber laß doch mal gut sein. Aber natürlich gilt: Et iss, wie et iss un‘ et kütt, wie et kütt. Du wirst schon wissen, was richtig ist. Auch wenn ich selbst — verzeih‘ meine Ausdruckweise — überhaupt keinen Bock habe auf diese Scheiße, die mir nun bevorsteht. Was, wenn ich dabei draufgehe? Und schon sind wir wieder bei meinen Fragen.

  1. Kommentar by Thomas Kersting — 27. April 2010 @ 22:18

    Lieber Georg Kraus,
    das ist doch hoffentlich nur die übliche, rein fiktive Geschichte?! Der letzte Absatz wühlt mich dermaßen auf, dass ich mehrmals mit dem Lesen neu beginnen musste. Mit Gott wird nicht gescherzt und ich glaube, das tun Sie auch nicht!
    Über Finanzen macht man sich Sorgen aber nicht solche Panik – Finanzen lassen sich heutzutage regeln (gestalten). Und Gesundheit? – die Medizin hat in den letzten 40 Jahren extreme Fortschritte gemacht (neben dem ZWK der einzige Grund, warum ich nicht 40 Jahre früher leben möchte) – und außerdem ist der Mensch generell gesund, und hat er eine Beeinträchtigung, bekommt er nicht zwangsläufig immer mehr davon. Erstmal abwarten bis alles sicher geklärt ist und sich nicht scheuen, andere Meinungen einzuholen. „Es gibt nichts, was nicht auch für etwas gut ist“, sagte die Mutter unseres rheinischen Sängers Heinrich Schlusnus (im Dreikaiserjahr 1888 geboren, 1952 gestorben), der so schön die Loreley sang: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten…“ Kopf hoch und durch! Wie Du schon erlebt hast: Es gibt Menschen, die sind unverhofft und unerwartet da!
    Viele Grüße
    Thomas Kersting

  2. Kommentar by Preuße — 29. April 2010 @ 10:57

    Bei einer routinemäßig erfolgten Ultraschall-Untersuchung der Galle und Leber wurde ein Befund festgestellt und ich wurde zum CT bei einem Radiologen geschickt. Das Ergebnis: Ich habe ein sehr großes Hepatom (Tumor) an/in der Leber. Ob „gutartig“ oder bösartig, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die Ergebnisse der Tumormarkeruntersuchungen liegen noch nicht vor. So oder so: Das Ding muß da raus. Und ob ich einen so großen Eingriff in meiner schlechten körperlichen Verfassung überstehe, weiß ich nicht. Freitag bekomme ich Ergebnisse und eine Überweisung zur Uniklinik Düsseldorf. Dort habe ich schon einen Termin für Ende Mai. Sollte mein Hausarzt es für dringend erforderlich halten, wird der Termin vorverlegt. Was dann dort die Spezialisten sagen, muß ich abwarten. Es kann auch sein, daß das Ding nicht (mehr) operabel ist.

    Es gibt im Moment viel mehr, was ich nicht weiß, als solches, was ich weiß. So bleibt mir, das beste zu hoffen und mich auf das schlimmste vorzubereiten.

    Ist es eine Zumutung, so etwas in einen Blog zu schreiben? Ich weiß es nicht. Wer es als solche empfindet, muß ja nicht weiterlesen. Vielleicht hilft es mir, darüber zu schreiben. Auch, wenn es nichts ändert an den Fakten.

  3. Kommentar by G. Voost — 29. April 2010 @ 15:56

    Lieber Herr Kraus,

    jeder muß sich ja mit dem Thema auseinander setzen. Und es ist keine Zumutung, über den Tod in Ihrem Blog zu lesen! Warum ist es so, daß die Menschen nicht gern darüber reden? Über den Bereich, der wirklich jeden, jeden, jeden angeht? Denken wir Menschen dann auch nicht daran, wie kurz die Spanne Zeit ist, die wir haben? Und wie recht unwichtig unsere Sorgen und Besorgungen sind?

    Liegt nicht auch ein Trost darin, sterben zu dürfen? Und ist der Todesgedanke nicht auch ein Maßhalter und ein Ausgleicher für uns alle?

    Ich habe einen Texteintrag zu dem Thema Tod geschrieben, der nur vordergründig etwas launig ist. Und ich habe meinem eleganten Showroom ein Todessymbol vor die Tür gesetzt. Makaber? Niemand hat das bis jetzt so zum Ausdruck gebracht, jedenfalls. Und es wäre mir auch egal. Denn ich führe ja mein eigenes Leben und gehe meinem eigenen Tod entgegen.

    Lesen Sie bitte den Eintrag auf meiner Seite?

    http://horus-hamburg.de/modules/news/article.php?storyid=21&location_id=561&topicid=5

    Danke.

    Aus Hamburg

    Günter Voost

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