Preußisches Bleisatz-Magazin
Satire

…und unbedingt viel trinken! 2.500 views 0

„Vielleicht haben wir ja Glück und der Stein kommt auf natürlichem Weg heraus.“ Ja, schon in Ordnung. Was meint Dr. Verhaus, mein Hausarzt eigentlich mit „wir“? Hat er auch einen Nierenstein? Oder meldet er auf diese Weise Besitzansprüche an meinem an?

Seit zwei Tagen plagt er mich. Ich kenn’s ja schon. Dieser helle, ziehende Schmerz rechts. Unter der letzten Rippe, nahe der Wirbelsäule. Dessen Level sich steigern kann, bis schon das Einatmen Schmerzen verursacht, bis man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Also gehe ich gleich nach den ersten Anzeichen zum Hausarzt, lasse mir krampflösende Kapseln verschreiben und höre mir nun schon zum drittenmal in fünf Jahren seine Erklärungen an. „Das ist nichts wirklich schlimmes. Trinken Sie, soviel Sie können und vielleicht geht dann der Stein auf natürlichem Wege ab. Schauen Sie zu, daß Sie den Stein irgendwie auffangen und mitbringen, damit wir ihn analysieren können. Wenn das nichts hilft, zertrümmern wir den Stein im Krankenhaus mit Ultraschall. Oder wir holen ihn mit einer Schlinge heraus.“ Als ich diese Erläuterung zum ersten mal hörte, war ich noch so naiv zu fragen, was es mit dieser Schlinge auf sich habe. Mittlerweile krampft sich nur noch mein Unterkörper zusammen und ich bete stumm „Oh Gott, nein bitte. Ich will keine Schlinge in mein bestes Stück geschoben bekommen.“
Nun weiß ich eines ganz genau: Dr. Verhaus selbst wird nichts davon machen. Er wird, vielleicht schon im Tennis-Dress, die von seiner Sprechstundenhilfe vorbereitete Einweisung ins Krankenhaus unterschreiben „Verdacht auf Nierenstein“, mehr aber auch nicht. Wir sind gleichaltrig, 54 Jahre, und ich bin seit fast 25 Jahren sein zufriedener Patient. Wenn man weiß, woran man mit ihm ist und sich keine Illusionen macht, dann fährt man gut mit ihm. Früher als Angestellter, hatte ich mit ihm manchmal das Ritual gespielt „Herr Doktor, ich bekomme seit Samstagmorgen keine Luft mehr. Mein Asthma, Sie wissen ja.“ Und bekam meinen Gelben Zettel, konnte mich einige Tage ausruhen vom Robotten im börsennotierten Unternehmen, in dem ich als Sachbearbeiter ein winziges Rädchen im System war.

„Machen Sie mich bitte irgendwie wieder fit. Nein, eine Krankmeldung brauche ich nicht, bin doch selbständig.“, so änderten wir das Ritual vor rund 16 Jahren. Man mußte bei Dr. Verhaus eigentlich immer nur darauf achten, daß man, sofern man ernsthaft krank wird, schnell zu einem Spezialisten überwiesen wird. Aber Gott sei Dank fehlte dem Doc jegliche Experimentierfreudigkeit, die soviele Hausärzte dazu verleitet, selbst an ihren maladen Patienten herumzudoktorn. Dr. Verhaus hatte vor fünf Jahren seine Ehefrau gegen ein jüngeres Exemplar ausgetauscht, ihr einen Braten in die Röhre geschoben (ob das nun wirklich so geplant war? Ein hämisches Grinsen mag ich mir nicht verkneifen) und seitdem hielt er häufig seine Sprechstunde auf dem Tennisplatz ab. Nun gut, jedem das Seine.

Wohl wissend, was nun auf mich zukam, verließ ich die Praxis und machte mich auf den Weg zur nächsten Apotheke in der Innenstadt. Mein Apotheken-Haus- und Hoflieferant um die Ecke lag zwar näher, aber ich mußte ja auch noch zum Wäschegeschäft.

Diese entkrampfenden Kapseln funktionieren an sich gut. Sie wirken auch gleich entzündungs- und schmerzhemmend. Ich bin ein Mann. Und habe Anspruch auf Weihleidigkeit bei solch‘ unheldenhaften gesundheitlichen Störungen. Wüde ich mit einem Kopfstreifschuß von der Barrikade der Volksgrenadierdivision Hunsrückenstraße auf einer aus einer Haustür improvisierten Trage in die Ambulanz eines Krankenhauses eingeliefert, bäte ich um einen Fetzen Stoff als Verband, nähme meine Maschinenpistole und einige Streifen Ersatzmunition und ginge zurück zu meinen Kameraden, die Altstadt vor den anstürmenden Horden bis auf den letzten Blutstropfen verteidigend. Ich schwöre: genau so liefe es ab. Aber Nierenschmerzen? Das ist ganz etwas anderes. Das verstehen Sie nicht, wenn Sie kein Mann sind. Egal. Der Nachteil ist, daß man nach der Einnahme dieser Kapseln ein völliges Leck-mich-Gefühl entwickelt und den Kopf in eine große Wolke aus Watte steckt, die verhindert, daß man noch klar denken kann. Also unterliegt man im Grunde genommen derselben Einschränkung, wie ich sie als Folge eines sich bemerkbar machenden Nierensteines beschrieb. Nur… man macht sich halt nichts mehr daraus.

Ich betrete das Damen-Wäschegeschäft nearby the Drugstore. Wie immer, wenn ich Medizin schlucken muß, wirken die Kapseln bei mir vom Moment der Einnahme an. Ich denke wirklich „nearby the drugstore“. Es entspricht der künstlichen Leichtigkeit in meinem Hirn, ausgelöst durch die Wunderwelt der Pharmazie. Tatsächlich ist es mir sonst unangenehm, Damen-Wäschegeschäfte zu betreten. Ich fühle mich unwohl als Mann inmitten dieser natürlich nicht unhübschen Seidenteile mit viel Spitze, zwischen denen auch immer drei, vier Damen unterschiedlichsten Alters stehen, die Wäsche betastend, in Gedanken maßnehmend und — ich bin mir sicher — meine Unsicherheit sofort registrierend und sich diebisch darüber amüsierend. Was soll’s? Ich nutze das Geschäft wie ein Sanitätshaus, nur, daß es mich hier billiger kommt.

„Ich hätte gern einen Damenstrumpf. Möglichst aus feinem Nylon mit geschlossenem Fuß.“, wende ich mich an die Dame vom Verkauf. „Halterlose? Welche Farbe? Weiß, schwarz-druchbrochen? Chamois? Welche Größe hat die Dame denn? Die Verkäuferin ist die Freundlichkeit in Person. „Die Größe ist nicht wichtig, der Strumpf ist für mich.“ Völlig falsche Antwort, ich weiß. „Ich brauche nur einen Strumpf. Ob halterlos oder nicht, ist egal. Ich schneide ihn sowieso ab.“ Nun schaut sie nur noch, die Dame vom Verkauf. Nein, sie schaut nicht, sie taxiert mich. Ich habe zuviel geredet. Das muß sie ja nun dazu bringen, genauer nachzufragen, warum und wozu. Warum nur bin ich nicht auf sie eingegangen und habe halterlose bestellt? Die Verkäuferin ist nun offenbar zu einem Entschluß gekommen und hat mich eingestuft: zweifelhafter Typ. Schnell loswerden. „Wir haben hier ein Paar sehr hübsche Twinset de Luxe Nylons, zartrosa. 17,35 Euro.“ Ich brauche keinen rosa Damenstrumpf, schon gar nicht zwei. Aber 17,35 Euro ist mir nun doch zu heftig, falsche Einschätzung meiner Person hin oder her. Aber ich werde ihr nicht erklären, wozu ich das Teil brauche. Das verbietet mir ganz einfach meine Würde als Mann. „Hören Sie. Das ist mir zu teuer. Ich brauche nur einen Damenstrumpf, unten geschlossen. Es ist für einen Fetisch.“ — Ihr Gesicht beginnt zu glühen. Endlich hat sie mich in einer Schublade, die sie versteht. Eine Neon-Schrift beginnt auf ihrer Stirn zu blinken „Perversling“. Die Kundinnen im Laden wissen längst, um was es geht. Halten Abstand, behalten mich aber scharf im Auge. Frau weiß ja nie. Vielleicht falle ich im nächsten Moment über die Verkäuferin her. Damit wäre ich vogelfrei für den Angriff mit den Stilettos.

Mit nur ganz leicht verächtlichem Blick — noch ist ja der Kunde König in dieser unserer sozialen Marktwirtschaft — reicht die Verkäuferin mir ein Paar ganz kurze Nylonstrümpfe, wie sie in Schuhgeschäften aus Hygienegründen zum Anprobieren den Damen zur Verfügung gestellt werden. „Zwei Euro Fuffzich.“ — „Ja, danke. Und tschüss…“. Ich schaue, daß ich aus den Laden herauskomme. Somit war auch der unangenehmste Teil der Behandlung eines Nierensteins erledigt. Ich würde nun literweise Wasser, Tee und Kaffee in mich hineinschütten, alle vier Stunden eine krampflösende Kapsel schlucken und auf den Moment warten, in dem meine überfüllte Blase nach Entleerung verlangen würde. Vielleicht habe ich ja Glück, der Nierenstein wird herausgespült und verfängt sich im Fuß des Damenstrumpfes, mit dem mein Abflußrohr umwickelt ist. Ja, ich weiß und es tut mir auch furchtbar leid. Aber es ging nicht anders. Die Alternative wäre ein Teesieb gewesen und ich hätte auf Jahre keinen Tee mehr trinken können, ohne… nun ja.

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