Preußisches Bleisatz-Magazin
Messer raus

LKH Grafenberg, Abteilung M3 9.874 views 0

Da diese meine Erzählung sehr häufig über Suchbegriffe von Menschen gefunden wird, die nach Begriffen wie Entgiftung, LKH Grafenberg, Drogensucht etc. suchen, möchte ich ein kurzes Vorwort hinzufügen:

Ich möchte Ihnen allen sagen: Eine Entgiftung, die ja nur die Voraussetzung ist für eine nachfolgende Therapie, lohnt sich. Sie ist schlimm, aber man steht es durch. Und eine erfolgreiche Therapie führt zurück ins Leben. Und das lohnt sich in jedem Fall, ich weiß das, denn ich habe eines gelebt. Meine Erzählung ist natürlich fiktiv. Nicht wirklich passiert. Woher sollte jemand wie ich auch wissen, wie es damals (die Erzählung spielt in den frühen 70er Jahren) dort im LKH Grafenberg zuging, mh? Damals war ich 16 Jahre jung.^^

Bitte senden Sie mir keine Fragen mehr oder Bitten um Hilfe. Dort, im LKH Grafenberg, werden Sie Hilfe finden. Ich kann Ihnen nicht helfen, nur Sie sich selbst. Und das schaffen Sie auch. Dabei wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen viel Erfolg.

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Das Landeskrankenhaus Grafenberg ist Düsseldorfs größte Psychiatrie. M3 ist die Geschlossene Abteilung. Für Gerichtsfälle, die stationär eingeliefert wurden. Für Junkies, die freiwillig oder «freiwillig», sprich: als Alternative zu einer Haftstrafe, hier einen Cold Turkey fahren, einen kalten Entzug.

1971 — eine Rückblende.
«Mit Glück dauert der körperliche Entzug 10 Tage. Dann hat Ihr Sohn das hinter sich. Wir dämpfen die Entzugsymptome mit Methadon. Nach der Entlassung kann er dann mit einer Therapie beginnen.» Auf M3 ist kein Fixer alleine. M3 ist ein Paternoster. Geht auf der Szene das «H» aus, fahren die Fixer mit dem letzten Schuß hoch zur Aufnahme, genehmigen sich im Park davor die letzte Dröhnung und melden sich zur Entgiftung an. Das Prozedere gleicht sich. Man kennt einander zum Teil seit Jahren. Das Klinikpersonal hat nichts gegen Fixer. Sie wissen, was mit solchen Patienten auf sie zukommt und richten sich darauf ein. Die Junkies wiederum kennen die Pfleger, wissen, welcher auch mal ein weiches Herz hat und ein paar Distras extra herausrückt.

Auch der Junge fand sofort Anschluß. «Ali hat Frühschicht. Wir treffen uns morgens beim Pflegerzimmer. Sie geben uns das Dope drinnen, wir können uns das Zeug selbst schießen.», hatte Roger ihm gesagt. Sie kannten einander von der Szene. Junkies haben nur drei Möglichkeiten, ihren täglichen Bedarf an «H» zu finanzieren: Dealen, Strich, Brüche. Der Junge dealte draussen für den Eigenbedarf. Ein «Pusher», einem jener, denen «Easy Rider» einen Song gewidmet hatte. Auch Lou Reed sang «I’m waiting for my man. Twentyfive Dollar in my hand.» Was Roger machte, wußte niemand so genau. Immer schick gekleidet, gut drauf. Irgendwas hatte er am Laufen, wahrscheinlich als Hehler. Denn von Brüchen oder auf dem Strich war so was nicht zu finanzieren.

Aufnahmegespräch mit dem Pfleger. Ruhig, sachlich. Wie hoch dosiert? Wie lange drauf? «Mach mir keinen Ärger, mache ich Dir auch keinen. 10 Tage gehen auch vorbei. Morgens kannst Du Dir 5 ml Methadon-Tropfen drücken, abends bekommst Du zwei Distraneurin zum Schlafen. Wir reduzieren ab dem dritten Tag. Nach 10 Tagen bist Du clean. Machst Du Trouble, bekommst Du Haloperidol. Frag die anderen Jungs hier, was das ist. Dann wirst Du vielleicht lieber keinen Trouble machen.»

Die erste Nacht. Schlaflos. Zwei Distras. Was soll das? Wer soll davon schlafen können? Er war auf vier halbe Gramm pro Tag, also etwa sechs Schüsse. Und er wußte: Drei am Tag war okay, die Kohle bekam er immer irgendwie zusammen. Aber es war so gut und leicht gelaufen in den letzten Monaten. Nur Stammkunden. Er mußte nicht einmal auf die Szene, um zu verticken. Man telefonierte, verabredete sich an einer Straßenecke. Fuhr dort 10 Minuten vorher hin und deponierte das Dope in Plastiktütchen irgendwo hinter einem Zigaretten-Automat. Traf sich mit dem Kunden, ließ sich das Geld geben und auf dem Weg vorbei am Automaten sagte man ihm, wo er sein Zeug findet. Kamen die Bullen, hatten sie nichts in der Hand gegen ihn. So kam es, daß er bis auf ein, zwei Verkaufs-Fahrten am Tag zu Hause bleiben konnte. Sich einen Schuß setzen, Musik hören, schlafen, weg sein. Der Stress begann, als er mehr und mehr schoß. Er wußte: Sein Dealer würde ihm niemals mehr als eine halbe Unze auf Kommission geben, also 14,25 g. Basta. Er wußte schon, weshalb. Also begann er, den Stoff zu strecken. Er verwendete Ascobin-Säure. Kost‘ nix und is‘ gesund — immerhin. Backpulver klumpte zusehr. Wobei… die Kunden wurden schnell mißtrauisch. Junkies kaufen «H» als Rocks, nicht als Powder. Rocks entstehen beim Produktionsprozess. 10 kg Opium wird zu 1 kg Heroin. Wird gestreckt, bis die Masse noch etwa 4-6 Prozent Wirkstoff enthält. Wird dann in Platten gepreßt und kiloweise verkauft an die Unzen-Dealer. Die haben ein Team von Pusher, die den Stoff auf Kommission bekommen, die Junkies versorgen und ihren Verdienst in Form von «H» für den Eigenbedarf behalten. Verbrauchen sie zuviel selbst, müssen sie das Dope selbst noch einmal strecken. Und irgendwann ist Schluß. Zu schlechtes Dope, die Kunden springen ab. Kein Verdienst mehr. Der Pusher verbraucht aber weiterhin seinen Eigenbedarf, kann die auf Kommission erhaltene Ware nicht bezahlen… Bumms. Genau das ist der Zeitpunkt, wo man als Pusher besser einmal verschwindet für eine Weile. Denn sonst bekommen sie nicht nur Stress mit den Junkies und den Bullen, sondern auch mit ihrem Dealer. Der gibt dann ein halbe Gramm an irgendeinen Junkie und der schlägt dem Pusher dann als Entlohnung für das halbe Gramm einen Knüppel über den Kopf. Oder was auch immer sonst sich der Dealer ausgedacht hat. Da gibt es sehr unfeine Sachen.

M3 ist ein einziger Saal mit 60 Betten. Jeweils sechs Betten sind mit halbhohen Paravents abgetrennt — Sechser-Kabinen. Er ist froh, daß Roger mit in seiner Kabine ist. Zwar sind auch Philippo und Jürgen auf Station. Aber die beiden sind ihm unheimlich. Alt-Junkies, Zombies.

Es ist Nacht. Roger fährt nun seit 16 Stunden Entzug. Am frühen Abend ist er rebellisch geworden. die Spätschicht der Pfleger hat ihn ruhiggestellt. Sein Kreislauf jagt, mehr Methadon kriegt er eh nicht, Haloperidol sparen sie sich als letzte Option auf. Also haben sie ihn angeschnallt. Mit breiten Lederriemen an Mannschetten um die Hand- und Fußgelenke. So kann sich Roger nicht selbst verletzen, kann das Bett nicht verlassen und Unsinn machen. Roger schwitzt. Schon zweimal ist der Junge aufgestanden, hat ihn wieder zugedeckt, hat ihm mit einer Tasse Tee eingeflößt. Trinken ist gut auf Entzug. Jeder Fixer weiß das. Er sieht wie die Wadenmuskeln an Rogers Beinen sich verkrampfen. Er geht mit einem Waschlappen ins Gemeinschaftsbad, macht ihn feucht, kehrt zurück und beginnt Rogers Stirn abzuwischen. Dessen ganzer Körper ruckt und zuckt in den Ledermanschetten. «Geh weg. Es geht jetzt los. Geht auch vorbei. Nicht schlimm. Geh…»

Wohin soll er gehen? Die paar Schritte zu seinem Bett machen es auch nicht besser. Stundelang jagt Roger vor sich hin. Schaumbläschen bilden sich in seinen Mundwinkeln. Phasen der Erschöpfung und des Rasens wechseln sich ab. Was ist das? Seine Augen verdrehen sich. Ja, wirklich. Seine Augäpfel drehen sich so weit nach, ja, wohin? Daß die Iris nicht mehr zu sehen sind.

Um vier Uhr herrscht Ruhe. Roger scheint zu schlafen. M3 jedoch schläft nie. Immer wieder schlurfen Patienten auf dem Weg zu den Toiletten an der Sechserbox vorbei, schauen neugierig. Ein Fixer auf Entzug ist für keinen etwas neues. Mitleid gibt es hier nicht. Nicht in der Form, in der es sie draussen gibt. Sie betrachten Roger wie ein Insekt. Sachlich, kühl. Schätzen wohl sein Stadium ein. Den Jungen beachtet niemand. Fatty kommt vorbei. Fatty ist das Faktotum von M3. Er kam als Kleinkind ins LKH, wuchs hier auf, wurde ernährt. Ein riesiges Baby von 120 kg und dem Gemüt eines 12jährigen. Neugierig, immer freundlich lächelnd, jeden Besucher ansprechend. Er begrüßte auch die Eltern des Jungen, als diese ihn herbrachten. Die Mutter wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm. Keine Vorurteile. Er ist nur krank, er ist nicht gefährlich, sonst würden sie ihn hier nicht herumlaufen lassen. Er tut Dir nichts.

Fatty beobachtet Roger. Wie immer spricht er mit sehr heller Knabenstimme mit sich selbst. Ein seltsamer Klingklang, nur einzelne Satzfetzen sind verständlich. Haben jedoch nichts mit der Situation zu tun, stammen aus einer Parallelwelt. Fatty steht neben Rogers Bett. Dessen Bettzeug ist völlig zerwühlt. Er schläft. Endlich. Trägt nur einen Slip, Arme und Beine wie gekreuzigt fixiert an den Bettpfosten. Fatty beginnt zu masturbieren. Schaut auf Roger, greift ihm in den Slip. Der Junge beginnt zu schreien. Er stürzt sich in den Schrei, verliert den Raum, kreischt, hört nicht mehr auf.
Anmerkung von Bleisetzer:

Das Fixieren von Patienten mittels Ledermannschetten ist zurückgegangen, doch längst nicht abgeschafft. Dennoch bedient man sich heute eher der Pharmazie, um Patienten ruhigzustellen. Großraum-Patienten-Säle sind kleineren Mehrbettzimmern gewichen.

Dennoch ist die Psychiatrie eine der Gesellschaft weitgehend unbekannte Parallelwelt. Sie existiert. Kaum jemand, der dort war und sich nicht mit Schaudern erinnert.

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