Preußisches Bleisatz-Magazin
Satire

Der Rheinländer 5.105 views 0

Nein, nicht immer, aber manchmal entwickelt sich eine Erzählung oder Kurzgeschichte ganz anders, als es im Titel angekündigt ist und zuvor auch geplant war. Das liegt in zwei Umständen begründet: Geht es mir einmal nicht um ein  konkretes Thema, zu dem ich ein Bild in Worten malen will, dann schreibe ich, was ich spreche. Denke. Nein, das ist nicht exakt formuliert. Dampfplauderei. Ja, das ist es. Wir hier im Rheinland empfinden Stille im Beieinandersein als Zeitvergeudung. Man könnte sich ja auch unterhalten. Also dampfplaudern wir. Der Rheinländer unterscheidet sich von den anderen deutschen Stämmen durch ein Überdruckventil, das der liebe Gott ihm im Sprachzentrum seines Gehirns hat wachsen lassen. Also schauen wir doch einmal, wohin uns unsere Reise ins Rheinland führt.

Ich habe darüber nachgedacht, wie das funktioniert. Habe in mich hineingehorcht und bin regelrecht auf Expeditionskurs gegangen, sobald mir ein neuer Gedanke kam, um dessen Wurzeln zu finden. Kennen Sie Bula Matari? Natürlich kennen Sie «Den, der die Steine bricht». Ich meine Sir Henry Morton Stanley, Mensch. Diesen durch und durch coolen Engländer, der 1870/71, also in der Zeit der deutschen Reichsgründung, den im wilden Afrika verschollenen Forscher Dr. David Livingstone fand und dies mit den unsterblichen Worten kommentierte «Doctor Livingstone, I presume?» – «Doktor Livingstone, nehme ich an?». Was für ein Schneid. Was für ein Understatement. In meiner Kindheit wuchsen wir Jungen mit solchen Geschichten heran. Wochenlang beschäftigte mich dieses Buch. Ich war dabei, als Stanley sich gegen alle Widrigkeiten der Wildnis durchsetzte. Bula Matari. Ha! Da können Sie George Clooney wegschmeißen mit seiner Espresso-Werbung und den ewigen Weibergeschichten.

Wo war ich? Ach ja… die Suche nach den Wurzeln meiner flüchtigen Gedanken. Richtig. Jedenfalls… ich habe es gefunden. Es ist das Dampfplauder-Ventil. Es funktoniert völlig unabhängig davon, ob der Rheinländer nun alleine ist oder nicht. Wobei — mit anderen is‘ schöner. Aber beginnen wir zunächst mit dem Selbstgespräch, das permanent die Denkhalle des Rheinländers durchflutet. Denn wir denken laut. Im Kopf. Permanent. Ich meine das sehr wörtlich: Wir sprechen uns vor, was wir denken. Nebenbei bemerkt: Bei meiner Recherche zu diesem Artikel fand ich einen wunderbar erklärenden wissenschaftlichen Text, den ich Ihnen empfehlen möchte und dessen Quintessenz in einem Zitat zusammengefaßt ist: «Das Hirn», so schrieb ein sarkastischer Physiologe im 19. Jahrhundert, «das Hirn verhält sich zu den Gedanken wie die Niere zum Urin: Es sondert sie ab.»
Begegnen wir im Frühling zum Beispiel beim Bummeln einer Frau, so schrillt eine winzige Alarmklingel diesseits der Hypophyse. Ein kleines, weises Männlein springt auf die Balustrade über der Halle unseres Gehirns und gibt uns Anweisungen: «Lächeln! Bauch einziehen. Aufrechten Gang einnehmen. Und NICHT auf die Titten sehen!». Den Nachweis, daß es wirklich so ist, wie ich schreibe, zeigen die täglich zu beobachtenden fünf brandroten Fingermale, die die Wangen vieler Männer in den Einkaufspassagen anderer Provinzen des Reiches Landes brandmarkt. Sie denken nicht und starren. Also fangen sie sich eine. Dumm gelaufen. Wärst Du mal als Rheinländer auf die Welt gekommen, Junge…

Viel schöner ist es für den Rheinländer natürlich, wenn er Gesellschaft hat. Mir ist bei meiner empirischen Untersuchung etwas aufgefallen: Kommen Sie im schönen Schwabenland in eine der dort zahlreich vorhandenen Besenwirtschaften, wird Ihnen unschwer auffallen, daß eine jede Besuchergruppe, die diese Stätte frequentiert, einen eigenen Tisch belegt. Handelt es sich also um drei Einzelpersonen, so werden sie drei einzelne Tische auswählen. Im Gastraum herrscht Schweigen. Im Höchstfall werden verstohlene Blicke getauscht, die Sehnsucht ausdrücken, aber auch Unvermögen zur Kommunikation. Gehen Sie jedoch einmal in eine typische Kneipe im Rheinland, so werden Sie erleben, daß ein Ihnen wildfremder Mensch den Gastraum betritt, sich kurz umschaut, um dann mit der üblichen Begrüßungsfloskel «Wie isset?» an Ihrem Tisch Platz zu nehmen, obwohl dies der einzige belegte im Saal ist. Ach ja: Bitte denken Sie dann bloß nicht ernsthaft über die Antwort nach. Es handelt sich wirklich nur um eine Floskel. Erwidern Sie kurz und knapp «Joot. Un‘ selbst?». Das reicht völlig. Mehr könnte als Belästigung ausgelegt werden. Denn wen interessiert schon, wie es Ihnen wirklich geht?

Ergo: Im Rheinland müssen Sie permanent damit rechnen, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Aber setzen Sie sich bitte nicht unter Druck. Wir sprechen nicht wirklich über Tiefschürzendes — auch, wenn wir das zumeist vorgeben. Wir dampfplaudern. Dabei geben wir wieder, was wir uns selbst in der Großen Halle unseres Gehirns permanent vorsprechen. Wir leiten den Output nur um auf ein anderes Device, auf Sie. Fehlt Ihnen nun aufgrund Ihrer Herkunft diese Option, macht das nicht viel. Streuen Sie bisweilen ein kurzes «Ach was…» oder «Tatsächlich?» ein, um die Unterhaltung zu würzen und mir, dem Rheinländer, das Gefühl zu geben, verstanden zu werden.

Auf diese Weise verbringen wir den Tag. Hangeln uns von Thema zu Thema, bauen verbale Brücken zu absurden Vergleichen, lassen aber auch immer einmal wieder eine kurze Bemerkung fallen, die, für sich allein formuliert, zu Irritation oder gar Widerspruch führen könnte. Jedoch, irgendwie, im einlullenden Singsang des Dampfplauderns, untergeht. «Du hast unglaublich schöne große Augen.» mit einem tiefen Blick ins Dekolette läßt jede Dame kurzfristig nach Luft schnappen und weit ausholen. Aber bis sie zuschlägt, hat der Rheinländer längst das Thema gewechselt. Lerne: Wir müssen entgegenkommenden Damen nicht auf die Titten glotzen. Wir lassen sie uns frei Haus liefern!

Nun dreht sich das Denken des Rheinländers nicht permanent um die primären Geschlechtsmerkmale der Frauen. Wir denken auch über den Sinn des Lebens nach. Über dessen Ungerechtigkeiten. «Was hat sie, was ich nicht hab‘?» Richtige Antwort: Ein Paar hübsche Titten. Aber willst Du wirklich die ganze Zeit mit so ein paar Dingern herumlaufen als Kerl? Also… was soll’s? Mist. Schon wieder… dabei wollte ich nun doch Tiefgründiges berichten. Sie merken an diesem Zwischenfall, daß unser Überdruckventil teilweise fremdgesteuert funktioniert. Wir werden gebeutelt von unseren Sehnsüchten, Träumen, unserem Begehren dessen, was wir gerade nicht haben. Wir alle. Genau deshalb sind die Einkaufspassagen oft so überfüllt. Aber das ist nun wieder eine völlig andere Geschichte.

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