Preußisches Bleisatz-Magazin
Vom Kommenden

Angst ist scheiße, Warten ist schlimmer 5.765 views 4

Gerade habe ich meinen Chirurgen getroffen. In dieser Woche werde ich nicht mehr operiert. Montag oder Dienstag heißt es jetzt. Es ist nicht seine Entscheidung und er hat selbst Druck dadurch, weil zum Operations-Team mehrere Personen aus unterschiedlichen Fachbereichen auf Abruf bereitstehen. Ich muß halt morgens als erster dran kommen, weil die OP so lange dauern wird.

Am Montag wurde ich eingeliefert. Der Tag verging rasch, weil ich dauernd in allen möglichen Fachabteilungen über Risiken aufgeklärt wurde, die Kenntnisnahme derer unterschreiben mußte. Weil laufend irgendwer kam und Daten zur Person von mir abfragte oder mir Blut entnahm. Den bzw. die Blutabnehmerin der Abeilung nennen sie hier Vampir. Eine sehr nette Person, die bisher fast immer eine Vene bei mir fand und mir immerhin noch kein Hämatom schoß. Ich verstand den Montag als Vorbereitung und stellte mich auf eine Herzkatheter-Untersuchung am Dienstag ein.

Die wurde dann am Dienstagnachmittag kurzfristig aus Termingründen verschoben auf Mittwoch. Also wurde die eigentliche OP auf Donnerstag oder Freitag angesetzt. Da war ich dann schon einen vollen Tag nüchtern, hatte also nichts zu essen bekommen. Gut, macht nichts.

Den Mittwoch bekam ich dann auch nichts zu essen. Wartete auf den Aufruf, zum Herzkatheter gebracht zu werden. Was dann auch um 17 Uhr erfolgte. So ein Eingriff ist nichts sonderlich schlimmes. Sie schieben einem durch eine Arterie an der Leiste einen sehr dünnen Schlauch bis in die Herzarterien. Diesmal sollte nur eine Überprüfung erfolgen, kein Stent gesetzt werden oder so. Also bat ich die Ärztin, mir nach dem ersten Beruhigungsmittel ein paar Minuten später noch eine Dröhnung zu geben. So schoß sie mich zwar für ca. 20 Minuten weg, aber das war nicht schlimm. Ich mußte ja nichts tun. Alle Arterien sind in zufriedenstellendem Zustand. So daß nichts gegen eine größere Operation spricht. Das fand ich schon interessant, bedeutet es doch, daß meine Herzschmerzen in den letzten Monaten offensichtlich psychosomatischer Natur waren. Höhö… hab’s mir also nur eingebildet. Tssss…

Nach einem Herzkatheter ziehen Sie den Zugang heraus, pressen die Arterie, die unter hohem Druck steht, zusammen und legen einen Druckverband an. Dann bekommt man für die nächsten sechs Stunden einen Sandsack auf die Leiste und liegt auf dem Rücken. Aus mir unbekannten Gründen hatten sie den Zugang im Herzkatheter-Labor nicht entfernt. Dort, auf der harten Liege, geht das relativ einfach. Sie mußten den Zugang dann auf der Station auf dem weichen Bett ziehen. Das war unangenehm. Vor allem aber, weil ich schob vier Stunden auf dem Rücken gelegen hatte und mir nun noch einmal sechs Stunden bevorstanden. Ich habe ziemlich mies geschlafen. Aber es gibt wirklich schlimmeres. Ich zählte die Stunden bis Donnerstagmorgen. Um sieben Uhr sollte es losgehen. Um acht Uhr kam die Nachricht, daß die OP auf Freitag verschoben sei. Immerhin bekam ich daraufhin etwas zu essen.

Der war also ein verlorener Tag. Es gab nichts mehr vorzubereiten, alle Ängste waren durchlebt. Ich saß viel in einem kleinen Park, bekam Besuch von Schwester und Mutter.

Vorhin, es ist immer noch Donnerstag, bekam ich dann den Bescheid, daß am Freitag auch keine Operation erfolgt. Also muß ich nun bis Montag oder Dienstag warten. Niemand kann mir genaueres oder gar definitives sagen.

Ich habe mitgeteilt, daß ich mit einer Entlassung bis Montag nicht einverstanden bin. Ich will und werde jetzt solange hier drin bleiben, bis ich operiert worden bin. Punkt. Vielleicht fahre ich am Wochenende tagsüber einmal raus hier, aber abends werde ich wiederkommen. Ich will das jetzt durchziehen.

Mein Zimmernachbar hat am Dienstag genau die Operation mitgemacht, die mir bevorsteht. Gut, er ist mehr als zehn Jahre jünger als ich. Ein netter Kerl übrigens, da habe ich Glück gehabt. Bei ihm habe ich sehr gut sehen können, wie schnell er (man) sich nach einer solchen OP erholt. Nach zwei Tagen lief er schon wieder allein herum. Seit heute bekommt er nur noch Schmerzmittel und ist wieder völlig fit.

Also dann… mal sehen, was das Wochenende bringt.

  1. Kommentar by thomas gravemaker — 15. Juli 2010 @ 23:10

    Hallo Georg. Warten und warten. That’s all one does in a hospital. But it allows you to think a lot. And sometimes those moments turn out to be very valuable moments in our lives. Several years ago I was beaten up in the street by two guys and spent two weeks in the hospital sharing my room with a down and out, we had a good time together. It turned out to be a moment of change in my life. It showed me that one day we can be feeling safe, with a job, a wife, a flat etc. The next minute we’re a heap on the pavement and one realizes that we’re just a small speck in this univers. I also saw the input of all the staff in the hospital. It changed me completely.

    all the best,

    Thomas

  2. Kommentar by Thomas Kersting — 16. Juli 2010 @ 00:41

    Lieber Herr Kraus!

    Das ist ja schlimmer als Tierquälerei! Da haben solche Kliniken einen gewaltigen Verwaltungsapparat und es klappt Nichts – er verwaltet sich nur selbst! Das ist doch Körperverletzung, unterlassene Hilfeleistung oder Schlimmeres. Ihr „Ding“, das wächst doch, und wenn man vier Wochen lang erzählt bekommt: „Die paar Tage machen auch nichts mehr“, so ist es doch wieder ein Monat zusätzlich. Führen Sie ein Tagebuch oder machen Sie Aufzeichnungen mit Belegen ab dem ersten bekannten Tag der Erkrankung, mit dem Sie – schlimmstenfalls Ihre Tochter – rechtliche Schritte einleiten können!

    Kein Wunder, dass bei einem solchen Chaos auch noch die Krankenkassenbeiträge erhöht werden müssen!

    Den schönen Neumond über’m Rhein haben Sie heute sicher auch gesehen… All‘ mein Winken haben weder Sie noch Gudrun sehen können, saß ich doch 40 Km zu weit südlich am Rhein. Versuchen Sie bitte die Ruhe der Wartetage mit den Essais und Sonnenwärme zu genießen. Die darauf folgenden Tage werden erstaunlich schnell vorübergehen.

    Hab‘ zwar schon ‚nen Krampf, doch drücke ich weiter die Daumen.

    Ihr Thomas Kersting

  3. Kommentar by Michaela Gruber — 16. Juli 2010 @ 15:46

    Hallo Georg,
    ich halte auch fest die Daumen- auch bis Montag oder Dienstag, auch wenn ich das von der Klinik auch als ZUMUTUNG empfinde! Du ARMER, musst noch so lange ausharren, kann gut verstehen, dass da die blöde Angst sich nochmals „heraustraut“!
    Du wirst das bestens überstehen, bin ich sicher und wenn du ein wenig positiv visualisierst (d.h. immer denken: „alles ist super gut gegangen, das blöde Schalentier ist weg und ich fühle mich wohl und gesund!“—so als ob schon alles was du dir wünscht in Erfüllung gegangen wäre.) – DAS NÜTZT!!!
    Habe einige Tipps für dich gesammelt, davon mehr im Krebskompass Forum.

    Alles Gute und halte die Ohren steiff,
    es wird, wirst sehen,
    sei lieb gegrüßt von
    silvi

  4. Kommentar by Andreas Pichler — 16. Juli 2010 @ 16:01

    Lieber Georg Kraus,

    sehen Sie den Krankenhausaufenthalt doch als (vielleicht durchaus willkommene) Möglichkeit, einmal völlig verantwortungs-los sein zu dürfen.

    Sie sind nun im Krankenhaus. Sie können, nein: Sie dürfen nicht arbeiten. Es nützt nichts, wenn Sie sich über irgendetwas den Kopf zerbrechen, Sie können es jetzt nicht ändern. Im Moment sind Sie jede Verantwortung los.

    Ein selbständiger Unternehmer kommt nur ganz selten einmal in eine solche Situation. Genießen Sie diese Tage, die kommen so schnell nicht wieder! Insofern ist es auch eine gute Idee gewesen, nicht nach Hause zu gehen am Wochenende.

    Möglicherweise gibt es interessantere Orte zur Entspannung als ein Krankenhaus, aber ein Urlaub ist ja oft auch mit Verpoflichtungen verbunden: Man muss was draus machen, man muss sich erholen, man dieses und jenes „mitnehmen“, wenn man schon mal da ist…

    Im Krankenhaus ist das anders: Keine Verpflichtungen, drei Mahlzeiten täglich, die einem sogar ans Bett gebracht werden (mit etwas Glück darüber hinaus von einer hübschen Schwesternhelferin), und bei schönem Wetter kann man im Park spazierengehen. Und wie Sie an Ihrem Zimmerkollegen studieren können, ist sogar die Zeit nach der Operation nicht zwingend angsteinflößend.

    Genießen Sie die Tage!

    Daumendrückend,

    Andreas Pichler

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