Preußisches Bleisatz-Magazin
Stimmungsbilder

Sommersonnenwende 2.135 views 0

Gestern, am 21. Juni 2010, war der längste Tag des Jahres. Der Tag, an dem die Sonne sich am weitesten vom Äquator in Richtung Nordhalbkugel unseres Planeten bewegt hat. Ab heute werden nun die Tage wieder kürzer, bis zur Windersonnenwende am 21. Dezember 2010. Genau so, wie mir als bekennendem Sommermenschen, eben dieser 21. Dezember einen winzigen Hoffnungsschimmer gibt «Die Tage werden ab jetzt wieder länger», läßt mich der 21. Juni kurz aufschrecken «Oh Mann, und schon werden sie wieder kürzer». Aber wirklich nur kurz, denn dem 21. Juni folgt ja zunächst der Sommer, meine Depri-Zeit ist fest terminiert auf den 9. November, den Martinstag. Dann erst durchbricht die für mich die erschreckende Erkenntnis die verdrängte Wahrheit: «Und nu‘ is‘ Winter».

Die Sonnenwende wurde in der alten Zeit unserer Vorfahren sehr bewußt gefeiert. Die Menschen waren viel abhängiger vom Kreislauf der Jahreszeiten, sie dankten wem-auch-immer für die langen, hellen und warmen Monate, die nach der Sommersonnenwende vor ihnen lagen, erhofften sich und baten um gute Ernten im Herbst. So hielten es nicht nur die ollen Germanen, sondern auch die Kelten feierten diese, sich jährlich zweimal wiederholenden Ereignisse. In Stonehendge muß immer richtig ‚was los gewesen sein. Gleiches galt aber sicher auch für die Externsteine in unserem schönen Land.

Die Sonnenwenden sind etwas sehr Elementares. Sie entziehen sich souverän jeder politischen Einordnung, wie sie tatsächlich heute oft vorgenommen wird. Eine solche ist jedoch mindestens überflüssig, wenn nicht gar leicht lächerlich. Die Zeitläufe von Äonen mit Gewalt in einen zwangsläufig nur temporären Zeitgeist zwängen zu wollen, erscheint mir absurd. Wir sollten uns lieber die Erhabenheit des Werdens und Vergehens bewußt sein. So würde ich mir Sonnenwendfeiern wünschen. Indem man jedoch Vergleiche anstellt zur Wertigkeit von Sonnenwend-Feiern zu Neuzeit-Veranstaltungen wie den Christopher Street Day, wertet man zweiteren unnötig auf. Der CSD ist vergänglich, die Sonnenwenden werden bestehen. Genau so abträglich, ja, absurd, erscheint mir, Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Beweggründen Sonnenwenden bewußt feiern, in eine politisch anrüchige Ecke zu stellen. Mir erscheinen solche gegenseitigen Einstufungen als äußerst profan.

Für mich sind die Sonnenwenden Teil des Ganzen, dessen, was ich als Höhere Macht erkenne. Nennt es Gott oder Buddha oder Jehova — das sind nur Namen. Das in sich geschlossene Gesamtsystem mit seinem faszinierendem Werden und Vergehen — das ist Gott.

Ich mache hier einen Absatz, der streng genommen gar nicht hierher gehört. Aber ich widerspreche sonst mit der folgenden Aussage zu arg dem zuvor Geschriebenen und möchte deshalb zumindest eine räumliche Trennung herstellen: Dieses Göttliche des Seins, aufgezeigt durch die Sonnenwende, in gedankliche Verbindung zu bringen mit Nazi-Kult und deren quälend erzwungenen Assoziationen zur Rassenlehre erscheint mir genau so ein Höhepunkt der Banalität wie die exhibitionistischen Selbstdarstellungen von Schwulen und Lesben. Aber letztendlich: Was stört’s die deutsche Eiche…

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