Preußisches Bleisatz-Magazin
Messer raus

Joachim Gauck: Mein Kandidat 2.340 views 6

Grundsätzlich ist mir das Amt des Bundespräsidenten das sympathischste im BRD-System. Das Amt verpflichtet ihn laut Grundgesetz, der Bundespräsident aller Deutschen zu sein. Also auch der meine, der ich das Prinzip der Parlamentarischen Demokratie eine Parteien-Diktatur nenne. Der Bundespräsident steht über den Parteien, ist unabhängig von deren Einflüssen. Soweit die Theorie.

In der Praxis mauschelten CDU/CSU und FDP ihren Bundespräsidenten untereinander aus. Es wird Christian Wulff werden. Diese Entscheidungsfindung könnte ein Lehrstück in Undemokratie sein — siehe das kurze Intermezzo, als Frau von der Leyen zur aussichtsreichen Kandidatin erst hochgejazzt, dann sehr schnell fallengelassen wurde. Über Herrn Wulff kann ich nichts schlechtes sagen; auch nichts gutes. Ich kenne ihn überhaupt nicht. Als Ministerpräsident von Niedersachsen ist er mir nie groß aufgefallen.

Aber wer mir wirklich gut gefällt, ist Joachim Gauck. Schon allein seine Aussage, daß er auch sehr gern Kandidat für CDU/CSU und FDP geworden wäre, hat mich umgeschmissen. Er ist kein Kandidat der SPD. Er läßt sich überhaupt in keine Schublade zwängen. Er ist Joachim Gauck. Glaubwürdig, authentisch. Ganz sicher verbindet ihn und mich wenig in den grundsätzlichen politischen Auffassungen, aber das ist nicht wichtig. Ich bin sicher, daß er die meinen respektieren würde. Genau das zeichnet ihn in meinen Augen aus. Der Mann hat Ecken und Kanten, ist nicht durch den Windkanal der Parteien gejagt worden. Er war evangelischer Pastor — nicht meine Fraktion, aber na und? — und nach der 2/3-Wiedervereinigung hat er sich des miesesten Jobs angenommen, den es damals zu vergeben gab: Er war lange Zeit verantwortlich für die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Und dabei hat er sich nicht verbiegen lassen. Mit so etwas macht man sich Feinde. Das zeigt jetzt die Ablehnung seiner Kandidatur durch Die Linke.

Ich sag‘ Ihnen ‚was: Würde der Bundespräsident in einer demokratischen Direktwahl durch uns, das Volk, gewählt, dann würde ich jetzt und hier Wahlkampf für Joachim Gauck machen. Ihm glaube ich, daß er dieses Amt genau so ausfüllt, wie ich es eingangs schrieb. Wie es auch im Grundgesetz verankert ist. Er wäre für uns alle da. Ganz egal, welcher Partei wir angehören oder mit welcher wir sympathisieren. Oder ob wir halt alle Parteien ablehnen. Deshalb wäre Joachim Gauck mein Kandidat, dem ich meine Stimme geben würde. Leider bin ich zu unreif und ungebildet, um an der Wahl des Bundespräsidenten teilzunehmen. Sie übrigens auch. Man muß dazu Politiker einer der etablierten Parteien sein oder zumindest von eben diesen als Wahlfrau oder Wahlmann benannt werden.

Ich möchte Ihnen zwei Artikel zu diesem Thema empfehlen, die mir von einem Freund übermittelt wurden:

22. Mai 2010, Neue Zürcher Zeitung
Es gibt ein richtiges Leben im falschen

6. Juni 2010, FAZ.NET
Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck
Es ist Sonne über Berlin

Lesen Sie wenigstens, was Ihnen als Bundespräsident entgeht.

  1. Kommentar by Preuße — 7. Juni 2010 @ 19:42

    Ich bin jetzt der 2382., der diese Petition an den Deutschen Bundestag elektronisch gezeichnet hat, um sich für Joachim Gauck als Bundespräsident einzusetzen. Nein, ich habe immer noch kein Stimmrecht, genausowenig wie Sie. Aber ich mach‘ mein Maul auf. so kann mir zumindest keiner nachsagen, ich hätte nichts tun wollen. Mach‘ doch mit:
    http://www.petitiononline.com/171027WM/petition.html

  2. Kommentar by Thomas Kersting — 7. Juni 2010 @ 23:18

    Na Bravo! Geht ja auf einmal und allemal besser als garnichts!
    Nr. 2705: Thomas Kersting

  3. Kommentar by Preuße — 8. Juni 2010 @ 07:37

    Jetzt bemächtigt sich die 4. Gewalt des Systems des Argumentes seiner Kritiker und spricht von einer organisierten Medienkampagne Pro Gauck:
    http://www.berliner-journalisten.com/blog/2010/06/07/djv-ruft-zur-diskussion-auf-gibt-es-ein-medienkartell/#more-9945

    Kann man Zynismus steigern?

  4. Kommentar by Gudrun Linde — 8. Juni 2010 @ 10:35

    Yes, und ich bin Nummer 3023, ach wär das schön, wenn wir wirklich was zu sagen hätten…
    Gestern in der Debatte um das Sparpaket fiel mir auf: Bürger, Wirtschaft und der STAAT spart auch. Welcher STAAT? Sind wir nicht der STAAT??? Wer finanziert den STAAT…?
    Vielleicht weiß Herr Gauck es!
    Bin gespannt wie das ausgeht am 30.6.!!!
    Ich will den Sommer zurück, kann man dafür auch im Internet eine Petition zeichnen?
    Allen einen guten Start in die Woche!
    Gudrun

  5. Kommentar by Marc Müller — 8. Juni 2010 @ 23:11

    Ich war Nr. 6. Eigentlich merkwürdig, da ich die Petition ja auf den Weg gebracht habe 😀

    Vielen Dank für ihren Kommentar auf meinem Blog!

    Marc Müller

  6. Kommentar by Preuße — 8. Juni 2010 @ 23:24

    Genau anders herum, Marc:
    Wir danken Ihnen für die Mühe, die Sie sich mit der Petition gemacht haben.
    Besten Gruß
    GKr

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