Preußisches Bleisatz-Magazin
Krupp 17

Die Weiße und die Rote 6 3.671 views 1

Für diese Erzählung wähle ich bewußt eine sehr direkte Position des Schreibens. Ich bin hier nicht länger der 54jährige, der reflektiert, der Umstände versteht, der sich um Objektivität bemüht. Nein, ich schreibe als 17jähriger, der mit all dem nichts zu tun hat. Weil er es als Lüge erkannt hat. Der dies aber gar nicht formulieren, gar diskutieren kann. Und es auch nicht will. Dessen Fühlen so weit weg ist vom ihrem, der Eltern, der Lehrer Denken, daß er Brücken abbricht. Besser: Er bricht sie nicht ab. Er geht hinüber und im Gehen zündet er die Brücken an. Er schaut sich nicht einmal um dabei. Denn er weiß, daß sie nun niederbrennen. Es macht ihm nichts, denn sein Weg soll ihn niemals zurückführen. Aus meiner heutigen Sicht: Wahnsinn. Aus meiner damaligen: logisch.

Ich bin 17 Jahre jung. Besuche mit mehr Un- als Lust das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Düsseldorf.

Muß man von der Karolingerstraße 23 zum Hennekamp, genauer, zur Redinghoven Straße, wo das Geschwister-Scholl-Gymnasium liegt, so hat man die Wahl unter mehreren unangenehmen Optionen:

Man kann schlicht und einfach zu Fuß gehen, läuft ungefähr 25 Minuten und hat’s hinter sich. Es ist tatsächlich der kürzeste Weg. Die Haltestellen-Anbindungen der Straßenbahn lassen nichts anderes zu.

Man kann mit dem Fahrrad fahren. Aber das ist mir zu uncool.

Man kann mit der Straßenbahn fahren. Der große Vorteil: Man kann während der Fahrt lesen. Berthold Brechts Kalendergeschichten oder seinen Arturo Ui. Henry Millers Wendekreis des Krebses oder Ernst von Salomons Die Geächteten. Nie, wirklich niemals gehe ich ohne Taschenbuch in der linken hinteren Jeanstasche aus dem Haus. Ich lese wegen des Inhaltes. Schön gebundene Bücher kann ich mir nicht leisten. Sie passen auch nicht in die Hosentasche. Reclam macht seinen Umsatz an mir. Und ich lese alles, was sie uns im Deutschunterreicht nicht verleidet haben. Lese die großen Russen Puschkin und Tolstoi, ich liebe Tschechows Erzählungen und Dostojevskis Schilderungen seiner Qualen. Ich fresse Böll in mich hinein und Walser und Wolfgang Borchardt und die anderen der Gruppe 47.

Mein Lesen hat keine Struktur. Ich lese auch Fritz The Cat, verschlinge Perry Rhodan. Niemand gibt mir Anleitung — wobei ich sie auch nicht annehmen würde. Vom wem? Von meinen Lehrern, die, sofern damals im wehrpflichtigen Alter, vom Braten der Spiegeleier auf den Panzern vor Tobruk erzählen? Von Herrn Raith, meinem Deutschlehrer, den ich frage, warum Schiller in seinem Wilhelm Tell zum Tyrannenmord aufrufen darf, seine, Raiths Generation es jedoch nicht fertigbrachte, einem ebensolchen einen Pistolenschuß ins Gesicht zu verpassen? Oh ja. Ich bin jung, ich kenne nur Ja oder Nein. Das ewige Abwägen und Relativieren ist es, was mir den Mageninhalt zwischen die Füße transponiert.

Und auch die Junglehrer sind nicht besser. Erzählen ergriffen von ihrer Zeit beim SDS, sprechen von Revolution und bitten uns, dem Unterreicht leiser zu folgen. Was habe ich Handkes «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» hassen gelernt bei der auferlegten Analyse. (Und welche Befriedigung und Bestätigung gibt es mir jetzt, so viele Jahre später, daß Handke nicht mehr en vogue ist und von genau dieser 68er Mischpoche, die ja nun den «Langen Weg durch die Institutionen» durchschritten hat, demontiert wird. Diese 68er, die jetzt so anders handeln, as sie damals sprachen und unter Führung von Mao-Tse-Fischer von den Grünen den Krieg brachten über die Serben auf dem Balkan.)

Ich als 17jähriger durchschaue das alles nicht. Aber ich fühle, es ist falsch.

Also laufe ich zum Bilker Bahnhof, setze mich in die Weiße 6, deren Endhaltestelle Am Steinberg liegt. Wo die Rote 6 schon wartet. Die von dort nach Norden fährt, den Hennekamp entlang. Wie so oft bleibe ich an der Haltestelle Redinghovenstraße einfach sitzen. Schaue auf die Schule, schaue auf das Buch in meiner Hand und fahre weiter. Die große Rundstrecke, die mich zum Wilhelm-Marx-Haus bringt, dem Eingang zur Düsseldorfer Altstadt.

Es ist viel zu früh. Kein Lokal hat offen — wobei mein Geld dafür sowieso nicht ausreicht. Ich hole mir einen Kakao und gehe zur großen Terrasse der Kunsthalle. Dort baut Anatol schon den ganzen Sommer an einem Einbaum, den er aus einem großen Baumstamm schlägt. Und mit dem er seinen Professor, den Beuys, über den Rhein holen will. Erzählt er uns. Okay, durchgeknallt genug schien er uns zu sein. Wir kannten den Rhein. Und hätten uns gehütet, ihn schwimmend zu queren. Und was, wenn diese beiden älteren Herren kentern? Naja. Nicht unser Problem.

Anatol ist einer der neuen Künstler der Stadt aus Beuys Gruppe, gelernter Polizist, wie er uns einmal erzählte. Er fragt nicht, schaut nur kurz «Moin». Ich nicke, will nicht reden jetzt. Setze mich in eine schattige Ecke und lese. Do it! von Jerry Rubin. Wie gern wäre ich dort gewesen und nicht in diesem stinkigen kleinen Deutschland. «Was liest Du? Warum kifft Ihr dauernd?», fragt Anatol. Ächtz… jetzt kommt der auch noch so. Ich stehe auf und gehe, murmel irgendetwas vor mich hin dabei… Ich will nicht mit ihm reden. Er wird mir sonst kommen wie die Freaks von der Drogenberatung, die von nichts eine Ahnung haben und mich nach meiner «schweren Kindheit» fragen. Ich habe keine schwere Kindheit, genau so wenig, wie alle anderen aus meiner Clique. Wir sind alle gut erzogene, wohl behütete Gymnasiasten aus allen Stadtteilen, die eines verbindet: Wir fühlen, daß alles, wirklich alles falsch ist in dieser Welt.

Ich geh‘ zum Kaufhof am Wilhelm-Marx-Haus. Will noch Langspielplatten anschauen. Es gilt als cool, mit fünf, sechs LPs auf die Szene zu kommen. Egal, ob neu gekauft oder von zu Hause mitgebracht. Wir trugen sie wie ein Accessoire, passend zum Parka. Der war bei Habernickel am Karlsplatz gekauft, der eigentlich Karlplatz heißt, ohne Genitiv-s. Den aber noch nie ein Düsseldorfer so ausgesprochen hat.

Ich brauche unbedingt Lou Reeds «Transformer». Der Typ hat’s einfach drauf. Vielleicht ist der Verkäufer-Freak nicht da, der mich immer so drohend beäugt. «Ich klau‘ nix, ey.» — «Verpiß Dich, Du Gammler.». Joh, joh. Schon gut. Da steht er. «Bleiben Sie cool, Mann. Geh‘ ja schon.» Gammler oder Freak genannt zu werden, war uns Auszeichnung, nicht Beleidigung. Aber das hätte der Typ sowieso nicht verstanden.

So nehm‘ ich halt die Weiße 6. Muß meine Schwester fragen, ob ich in ihrem Verlag ein paar Stunden Aushilfe machen darf. Serienbriefe eintüten und etikettieren. Ächtz-Arbeit, bringt aber ’nen Heiermann die Stunde. Während der Fahrt habe ich eine Vision: Ich bin 54 Jahre alt und schreibe eine Geschichte über mich selbst als 17jährigen. Dabei findet auch der Begriff «Heiermann» Eingang in die Geschichte. Bei der Recherche finde ich als alter Sack eine Erklärung, daß sich der Begriff vom Hebräischen «Fünf» ableitet. Ich muß lachen — in beiden Leben, in denen ich Freak bin.

So’n Quatsch. Was ein Heiermann ist, weiß in Düsseldorf jedes Kind. Es gehört zu uns wie das Radschlagen, das ich als Kind schon nie hinbekam und  somit auf dieses nette Zubrot verzichten mußte «Eene Penning für ’ne Düsseldorfer Radschläger!». Ich konnt‘ ’nen Purzelbaum. Aber dafür gab’s noch nie ‚was. Ein Heiermann heißt bei uns so, weil nach dem Ersten Großen Weltenbrand das Geld knapp war und viele Hausfrauen aus den Arme-Leute-Vierteln in Oberbilk nebenher ein bißchen anschaffen gehen mußten. Sie nannten es verschämt «poussieren» und sprachen niemals darüber. Heiermann kommt von Heia machen, (miteinander) schlafen. ‚Ne Nummer im Stehen kostete im Puff Hinter’m Bahndamm damals ’n Heiermann.

Bilker Bahnhof. Ächtz… nun noch die lange Bachstraße entlang. Eine lange, 5 m hohe Mauer zum Güterbahnhof, die sich elendig zieht. Endlich. Karolingerstraße. Zu Hause. Mh. Mutter hat die Einkäufe unten stehenlassen, schon okay. Nimm ich sie halt mit. «Mahlzeit. Was gibt’s zu Essen?» — «Mahlzeit. Herr Raith hat angerufen. Du warst heute wieder nicht in der Schule. Hör‘ ‚mal — so geht das nicht weiter.». — «Oh, Mama. Bitte. Laß mich doch erst einmal essen. Ich hab‘ die Haltestelle verpaßt, die Rote 6 kam zu spät. Und dann wäre ich eh zu spät gekommen. Ist doch nicht so schlimm…»

  1. Kommentar by Thomas Kersting — 27. Juni 2010 @ 01:32

    Komme gerade vom Rhein geradelt – welch ein Mond!

    Ein einsamer Mondstrahl über den Wellen meiner Heimat, gleich einer glitzernden Perlenkette über dem Wasser bis zum Ufer des majestätischen Flusses. Unser Rheinland, unser Weinland, die Heimat!

    Habe ich sie je so erhaben wahrgenommen? Sicherlich nur selten; denn wie schwer ist es, alle Sorgen, Ängste und allen Ärger zu vergessen, um solche Augenblicke zu erleben.

    Ja, vor 35 Jahren, diese Zeit ist durch den natürlichen Ausfilterungsschutzmechanismus unseres Gehirns wichtig, richtig – und schön in Erinnerung geblieben. Es scheint, als haben wir da noch natürlich und unbelastet empfunden… und ehrlich: Ein schlechtes Gewissen haben wir wirklich erst im Nachhinein bekommen!

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