Preußisches Bleisatz-Magazin
Satire

Diakritische 36° — und es wird noch heißer… 3.170 views 0

Lieber Blog — ja, richtig. Gefühlsmäßig bist Du mir ein Generisches Maskulinum, kein ebensolches Neutrum. Also heißt Du der Blog nicht das Blog. (…)

Und schon habe ich die Einleitung vermasselt… (Rotwelsch für Massel = Glück. Das Rotwelsch war der Jargon der Schlagetots und ist wohl am ehesten in Christoph von Grimmelshausens «Der Abenteuerliche Symplicissimus Teutsch, 1668—1669»  oder bei Florian Geyer zu finden. Dieser in unserer Neuzeit sowohl durch die Kommunisten (will doch hier tatsächlich Friedrich Engels den historischen Anspruch des Kommunismus auf die Diktatur des Proletariats gefunden haben) als auch durch die Nationalsozialisten mit der Aufstellung der 8. SS-Kavallerie-Division «Florian Geyer» zur Projektionsfläche instrumentalisierten Nationalen Größe. Schon aus diesem Grunde empfehle ich Gerhart Hauptmanns Biographie.

Beginnen wir also von vorn — ich entschuldige mich für die Abschweifung. Kenner der Preussen-Blog Dialektik ahnen längst, daß auch hier wieder Methode vorliegt. Dem alten Preußen erscheint etwas erzählenswert, was ihm nichtsdestotrotz leicht unangenehm ist. Deshalb die Taktik des Management by Helicopter: Über allem schweben, von Zeit zu Zeit auf den Boden kommen, viel Staub aufwirbeln und darin wieder ab in die Wolken entschwinden.

Dabei gab ich doch bereits einen kleinen Hinweis mit dem ersten Wort der Überschrift. Ach, egal jetzt. Kurz und knapp: Diakritika sind mit Akzent versehene Alphazeichen. Und in unserem Falle geht es um das Accent Aigu, das Akut (lat. acutus  = spitz, scharf), genauer: Um den Vokal «e» in Verbindung mit dem Accent Aigu, also dem «é» wie im Namen André.

Denn ich, der bekennende Preuße rheinländischer Provenienz, bin mütterlicherseits ein geborener André — wie peinlich für einen Nationalen. Mir bleibt hier nur ein Rückzug auf das Katholische in mir. Ich beichte, bereue und dann mussen’s auch jut sin… also: Schwamm drüber.

Irgendwann hat sich ganz offensichtlich ein Franzos‘ eingeschlichen in unsere ansonsten reine deutsche Blutlinie. Menschlich nachvollziehbar: Nirgends in den weiten deutschen Landen gibt es schönere Mädchen. Und daß der Franzos‘ sowieso… Sie wissen schon. «L’amour»und der ganze Quoi (frz. «Was». Umgangssprachlich im Rheinland für «der ganze Kram»).

Der Großvater André hat das 1933 bei der Abgabe des Großen Ariernachweises — für Beamte und Parteifunktionäre obligatorisch — sehr elegant gelöst. Er holt die Unterlagen aus der linken Innentasche seines Jackets, beugt sich über den Schreibtisch des Parteigenossen, um ihm diese zu überreichen (Großvater besaß korsische Größe, also 1,56 m). Dabei fällt das Accent Aigu aus der Dokumentenmappe auf den Boden. Das kann leicht passieren, diese Teile sind ja ganz bewußt nur als Fliegende Akzente befestigt. Kurz und gut: Nun lag es da, dieses diakritische Zeichen. Es wäre doch peinlich gewesen, es aufzuheben und erneut über das Gemeine «e» in nunmehr «Andre» zu montieren. Also setzte Großvater den rechten (sic!)  Fuß darauf und schaute unschuldig, wie nur ein Andre schauen kann. Dem Vernehmen nach sah das auch der die Angelegenheit bearbeitende Parteigenosse so, nachdem er noch schnell den 20 Reichsmark-Schein in der Dokumentenmappe sicherstellte. Und so heißt die Familie seit 1933 Andre statt André. Mit Betonung auf der ersten statt der letzten Silbe. Was wichtig ist. Denn wir sind deutsch. Deutsch bis auf die Diakritika. Darauf bestand der Großvater und er tat recht.

Alles das hindert uns Andres nicht, den Sommer zu lieben. Wir sind die Dunkelhaarigen mit dem unempfindlichen Hauttyp — dinarisch nannte man dieses «Rassemerkmal» dereinst (Tuen Sie sich bloß nicht diese Himmler’sche Rassen-Scheiße an, die Sie unter dem verlinkten Wort «dinarisch» finden. Der Verweis dient nur schlicht als  Quellennachweises, sonst nix).

Wir sind braungebrannt, sobald der Mai die deutsche Scholle küßt. Klöppeln an der Familien-Mär vom Korsen, der einst… nein, nein. Nicht der Korse, aber vielleicht einer der Seinen?

Jedenfalls: 36° im Schatten? Laß kommen…

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