Preußisches Bleisatz-Magazin
Arbeitswelt

Schnappschuß aus dem Tal 4.299 views 0

Das kleine Tal mit dem Gewerbegebiet, in dem ich meinen Betrieb führe, ist Privatgelände. Das alles hier gehört zu Bagel, die hier auch eine Endlosdruckerei im Flexodruck betreiben.  Bagel ist übrigens ein alter Hugenotten-Name und spricht sich französisch aus. Nicht deutsch oder gar amerikanisch, wie viele Erstankömmlinge hier meinen. Mittlerweile haben sich hier ca. 40 kleine und kleinste Firmen eingemietet. Das macht es täglich spannend für die diversen Post- und Paketboten, denn das ganze Tal hat nur eine Hausnummer: Papiermühlenweg 74. Ähnlich wie ich über mein Preußisches Bleisatz-Magazin Waren für einen sehr speziellen Kundenkreis anbiete, sind auch viele der hier ansässigen Unternehmen aufgestellt. Da gibt es die Galerie des Wahnsinns,  die nicht nur Kunst zum Kauf anbietet, sondern auch Musikveranstaltungen organisieren. Die ich zwar noch nie besucht habe, aber das liegt allein an meinem speziellem Musikgeschmack. Was diese Porno-Darstellerin auf der Netzseite aussagen soll, habe ich nicht verstanden; egal. Muß ich ja auch nicht. Sobald hier einmal Motörhead gastieren, bin ich dabei; versprochen. Vor ein paar Tagen wurde ein Paket an mich bei der Firma Wohltäter abgegeben. Im Grunde genommen hat hier jeder genug mit sich selbst zu tun, aber man lebt zumeist auch friedlich miteinander und kooperiert. Fragt in so einem Fall also auch, womit der andere sich beschäftigt. Interessant: Dort bietet man u.a. Hypnose-Behandlung zur Raucherentwöhnung an. Man kann Autogenes Training erlernen und — hier komme ich in mir unbekanntes Fahrwasser — man kann Gesichtsmassagen als Dienstleistung abrufen. Ist das Ayurveda? Nö, ich glaube nicht. Aber die hübsche dunkelhaarige Dame, die mir das alles erklärte, hat mich schwer beeindruckt.

Was gibt’s hier noch? Ach, schauen Sie einfach einmal selbst. Im Ratinger Papiermühleweg 74 tummelt sich so einiges Interessantes. Zwei Betriebe habe ich noch nicht erwähnt: Mein Preußisches Bleisatz-Magazin und meinen direkten Nachbarn, den Schreinermeister Rolf Jammer, der u.a. wunderschöne Holzkanus baut.  Unsere beiden Betriebe sind in die Räume der alten Papiermühle selbst integriert. Die anderen Firmensitze befinden sich in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden der Papiermühle bzw. in nachträglich angebauten Hallen und Gebäuden. Wir  haben also ein wenig Abstand zu den anderen Firmen, was uns, glaube ich sagen zu können, beiden ganz recht ist. So kann man Kontakt halten, muß es aber nicht zwangsläufig.

Bei uns liegt auch der große Parkplatz für die Mitarbeiter der Bagel-Druckerei und für Rolfs und meinen Betrieb; wir zahlen also monatliche Miete für unsere Parkplätze, was ja auch in Ordnung ist. Darüber hinaus dienen alle restlichen markierten Parkplätze Besuchern der Unternehmen, die hier im Tal ansässig sind, wohl um die 30(?) an der Zahl. Die Parkplatz-Nutzung wird auf etlichen Schildern deutlich beschrieben und eindeutig interessiert es niemanden der Parkplatz-Suchenden. So kommt es vor allem an den Wochenenden immer wieder zu Szenen, die Loriot nicht besser hätte beschreiben können. Wirklich Dutzende von Familienkutschen (Vans genannt), aber auch etliche schicke Cabrio-Fahrer nebst Anhang streiten sich erbittert um die für sie gar nicht vorgesehenen Parkplätze, um ihr Blech dort abzustellen und einen netten Spaziergang zum Brunch in der Auermühle zu unternehmen. Das Lokal liegt im Nachbartal und ist über einen Fußweg mit dem unsrigen verbunden. Mir ist es dort gerade an den Wochenenden zu voll und das Publikum ist mir zu sehr «Düsseldorfer Möchtegern-Schicki-Micki», aber bitte… jedem das Seine. Jetzt, nach über drei Jahren, interessiert mich das an jedem Wochenende mit schönem Wetter stattfindende Gewusel nicht mehr. Es stört mich aber auch nicht sonderlich. Diese armen, reichen Großstadt-, Vorstadtmenschen müssen ja auch einmal ‚raus aus ihren Einfamilienhäusern mit Garten und Terrakotta-Terrasse, um sich unter Gleichgesinnten auf schmale Holzbänke zu quetschen und sich mit einem «sportlichen Frühstück» für 5,50 Euro (Honigjoghurt mit frischen Früchten) bis hin zur «liebevollen Frühstücksauswahl» (von jedem etwas, inkl. 2 Glas frisch gepreßtem O-Saft» für 15,00 Euro verwöhnen zu lassen.

Ich hatte übrigens heute ein Frühstück «Fischers Freund». Eine Eigenkomposition, bestehend aus: Flußkrebsfleisch, Krabben, Tomaten und Ei auf Roggenbrot. Mnjam… Kosten: 3,50 Euro, also für meine Verhältnisse recht teuer. Ich könnt’s Ihnen für 14,— Euro anbieten und läge immer noch 1 Euro unter dem liebevollen Allerlei. Aber ich habe weder eine Konzession für die Gastronomie, noch auch nur im entferntesten Lust auf Gäste wie den im folgenden Dialog:

Mercedes-Geländewagen. (Weil man hier in Ratingen bei Düsseldorf ja täglich querbeet durch die Walachei muß. Da geht doch nichts über Vierrad-Antrieb und Kuh-Schubser vorn dran. «Benzinverbrauch? Ach, ich tank‘ doch sowieso immer nur für ’nen Zwanni.») hält direkt vor meinem Betrieb und ein Unsympath steigt aus. Schicke, knielange Marken-Khaki-Shorts mit Bügelfalte (sic!) und lässigen Leder-Espandrillos (mit Söckchen — grusel). Im V-Ausschnitt des Lacoste-Polohemdes (trägt man das wirklich noch?) blitzt eine breite Goldkette mit Anhänger. Ein Seehunds-Schnurrbart komplettiert die Staffage. Eindeutig: Ein Düsseldorfer Snobby. Ja, solche Typen gibt es leider wirlich in meiner wunderschönen Heimatstadt. Wir Alteingesessenen ignorieren sie, so gut es geht.

Ich selbst gebe den Preußen: Trage schwarz in schwarz wie fast immer, schaue grimmig (bin kurzsichtig) und sitze ansonsten gelassen in meinem Campingstuhl auf der gemauerten Terrasse vor meinem Betrieb in der Sonne. Lese «Volk in Not» von Karl Schönherr aus dem Jahre 1916. Noch Fragen? Ich will nur in Ruhe meine Gauloise rauchen, Kaffee trinken und lesen.

«Darf man hier parken?» Er zeigt auf die ausgewiesenen Bagel-Parkplätze.
«Da vorn steht ein Schild, da steht drauf, wie das geregelt ist mit den Parkplätzen hier.«

So. Die Eröffnung ist erledigt. Wir wissen nun, wohin der Dialog führen wird. Oder?

«Ob ich hier parken darf, frag‘ ich.»
«Nein.»
«Was heißt da <Nein>? Warum nicht?»
«Das weiß ich nicht. Ich bin nicht der Parkplatzwächter.»
«Und wenn ich doch hier parke?»

Ich fixiere ihn. Er hat sich schon aufgepumpt. Zu doof, dieser Mensch.

«Mir ist scheiß-egal, ob sie hier parken oder nicht. Sie müssen mich nicht fragen. Es sind nicht meine Parkplätze. Vorn auf dem Schild steht, wer hier parken darf. Ob Sie sich daran halten oder nicht, ist Ihre Sache. Klar jetzt?»

«Ich werd‘ Sie ja wohl noch frag’n dürf’n, wenn’sch hier parken will, oda?»
«Nö.»
«Was heißt <Nö>? Wer sind Sie überhaupt, Sie Quatschkopp?»

Ich beschließe, daß es mir reicht. Mir ist wirklich egal, ob er hier parkt oder nicht. Mein Wagen steht auf meinem von mir bezahlten Parkplatz und wo er seinen hinstellt, interessiert mich einen Dreck. Aber dumm anmachen lassen mag ich mich auch nicht. Ich denke noch, ob ich ihn wohl als Blitzableiter benutze. Hab‘ ja genug Frust im Moment. Ach was, nicht an so ’ner Wurst…

«Paß auf, Mann. Arschloch. Park da oder park da nicht. Aber mach mich nicht dumm an, sonst jag‘ ich den Hund auf Dich.» Und ich brülle: «Harraassss».
Der Typ wird bleich, steigt lieber wieder in seinen Geländewagen. Wer so einen Streit anfängt und sich dann Arschloch nennen läßt, ohne es eskalieren zu lassen, ist sowieso ein Verlierer-Typ. Pffft…

«Ich werd‘ mich beschweren. Unmöglicher Mensch. Prolet.» Parkt auf dem Bagel-Parkplatz und watschelt schimpfend Richtung «Sportler-Frühstück».

Ich seufze, nehme mir wieder mein Volk in Not vor. Der Kaffee ist kalt geworden. Wäre hier eine Gastronomie, würde ich mich jetzt darüber beschweren. Aber so muß ich hoch, die Thermoskanne holen. Harras, mein Schäferhund, den ich mir vielleicht anschaffe, liegt dort in seinem Korb und schaut unschuldig: «War was?». Ich glaube, ich überleg’s mir doch noch mit dem Anschaffen so eines Hundes. Macht nur Arbeit, das Viech, kost‘ ’nen Haufen Kohle und taugt zu nix, wenn man ihn ‚mal braucht.

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