Preußisches Bleisatz-Magazin
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Projekt Klangbild-Textcollage zum 1. Mai 2010 10.891 views 1

Meine Klangbild-Textcollage beginnt — marketingtechnisch ungünstig — mit einer arroganten Verunglimpfung meiner Leserschaft: Ich bin mir sicher, daß Sie, werter deutschstämmiger Leser, die Texte von anglo-amerikanischer Pop- und Rockmusik seit Elvis Presley (Gott hab‘ ihn selig) nur als instrumentale Klangmelodie wahrnehmen und in den seltensten Fällen in der Lage oder Willens sind, den Text zu akkustisch zu verstehen, zu übersetzen und dann auch noch den Sinn der Botschaft des Liedes richtig zu interpretieren. Ja, ich weiß, daß es manchem schwerfällt, dies nach außen zuzugeben, aber ich bitte Sie: Machen wir uns doch nichts vor. Selbstverständlich sind wir als gebildete Mitteleuropäer mit linksliberaler Prägung durchaus in der Lage, über uns selbst zu reflektieren. Sofern wir dabei nicht allzu schlecht dastehen. Und ausreichende Englischkenntnisse gehören nun einmal zum Selbstbild, das es nach außen hin zu zeigen gilt. Sonst müßte man sich ja letztendlich fragen, ob vielleicht doch etwas dran ist an der Behauptung, wir unterlägen seit 1945 auch einem kultur-imperialistischen Einfluß durch die VSvA.

Wenn mich ein anglo-amerikanisches Lied interessiert, dann google ich grundsätzlich auch nach einer deutschen Übersetzung des Textes.

Heavy Cross — Gossip

ooohh oh ooooh, oh oh oh ohhh
ooohh oh ooooh, oh oh oh ohhh

Es ist eine viel zu grausame Welt, um es ganz allein mit ihr aufzunehmen.
Ein zu schweres Kreuz, um es mit sich herumzutragen.
Die Lichter sind an, aber alle sind schon gegangen,
Und es ist grausam

Es ist eine seltsame Art über die Runden zu kommen,
Wenn die Lichter auf den Straßen alle aus sind,
Es fühlt sich alles in Ordnung an, aber niemals vollkommen,
Ohne Freude,

Ich hab dich geprüft, es ist schon längst passiert, mach es rückgängig,
Es gehören zwei dazu, es liegt an uns beiden, es zu beweisen,
In den regnerischen Nächten, sogar den kältesten Tagen,
Bist du Augenblicke vergangen, aber Sekunden entfernt,
Die Naturgesetze, sie stimmen, aber es ist eine grausame Welt,

ooooh oooh oohh, ooh ooh oooh ooh, ooo wooah

Wir können auf Nummer sicher gehen, oder es ganz cool durchziehen,
Dem Anführer folgen, oder unsere eigenen Regeln aufstellen,
Was immer du willst, du hast die Wahl,
also entscheide dich,

Ich hab dich geprüft, es ist schon längst passiert, mach es rückgängig,
Es gehören zwei dazu, es liegt an uns beiden, es zu beweisen,

ei ei ei ei ei, oh oh oh oh oh, ye oh oh,
ei ei ei ei ei, oh oh oh oh oh, ye eh, ye eh, ye eh,

Ich wusste es, es ist schon längst passiert, mach es rückgängig,
Es gehören zwei dazu, es liegt an uns beiden, es zu beweisen,

ei ei ei, woah wo, yeah eh
ei ei ei ei ei, oh oh oh oh oh, ye eh, ye eh, ye eh,

Ich hab dich geprüft, es ist schon längst passiert, mach es rückgängig,
Es gehören zwei dazu, es liegt an uns beiden, es zu beweisen,

ei ei ei ei ei, oh oh oh oh oh, ye oh oh,
ei ei ei ei ei, oh oh oh oh oh, ye eh, ye eh, ye eh,

Ich wusste es!

Ich habe gar keine Lust, Ihnen nun meine Interpretation des Textes zu liefern. Machen Sie das selbst. Aber ich möchte Ihnen doch noch ans Herz legen, einen Blick auf die Vita von Beth Ditto, der Sängerin, zu werfen (nie im Leben hätte ich gedacht, daß ich jemals in einem meiner Texte auf dieses Schmonzetten-Regenbogen-Presse-Blatt «Gala» verweisen würde. Aber man sieht: Alles fließt).

Ich finde die Frau einfach als Mensch umwerfend gut. Sie wirkt auf mich völlig authentisch. Scheint sich einen feuchten Kehricht darum zu kümmern, daß sie dem gängigen Mainstream-Geschmack nicht entspricht (lesen Sie bitte einmal in den vielen Kommentaren bei YouTube oder Google nach, wie häufig es dort sinngemäß heißt: «Fett und häßlich, aber starke Stimme.». Unglaublich. In einer Welt der political correctness, in der man fortlaufend mit erhobenem Zeigefinger ermahnt wird, sofern man etwas äußert, was in den Augen des Mahners als diffamierend gegenüber Minderheiten ausgelegt werden könnte (Konjunktiv), bleibt unwidersproche, wenn ein Mensch dem weltweit standardisierten Schönheitsideal nicht entspricht. Fuck you, Lindsay Lohan.

Das Lied gibt mir Kraft für den Tag. Die brauche ich heute, am Feiertag, zwar nicht zwingend körperlich, aber psychisch schon. Ich verdaue immer noch Gottes Antworten an den Preußen. Ich fühle mich, als wäre ich mitten im Winter auf dem See auf zu dünnes Eis geraten. Der Verstand funktioniert im Reflex. Ich lege mich flach auf’s Eis, um mein Gewicht zu verteilen. Verfluche mein Übergewicht und lausche auf das Knistern und Knacken um mich herum. Der Blick nach unten durch das Eis in den eiskalten See entspricht der Diagnose des Radiologen. Ich versuche, mich mit der einfachsten Methode, die ich kenne, zu beruhigen: Frierst Du? Hast Du Hunger? Liegst Du schlecht? Aber heute funktionieren die drei Nein nicht sonderlich gut. Ich wage nicht, mich zu bewegen, weil ich befürchte, dann durch’s Eis zu brechen. Gott hat gesagt. Et kütt, wie et kütt. Und hat recht. Aber ich kann nicht einmal liegenbleiben, denn meine Körperwärme bringt das Eis schon zum Schmelzen. Joh, Mann… Heavy Cross paßt schon.

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Am Abend des 1. Mai 2010 läuft auf Vox eine abendfüllende Dokumentation von Spiegel TV zum Thema «Widerstand gestern und heute». Sie hieß anders, aber darauf lief es hinaus. Ich habe fast 30 Jahre lang jeden Montag den SPIEGEL gekauft und gelesen. Bis das Blatt vom neutral-intellektuellen Kritiker zum Betroffenheits- und Schuld-, oh deutsche Schuld-Blatt entwickelte, das sich im September 2009 zum Höhepunkt steigerte mit dem Titel «Der Krieg der Deutschen — als ein Volk die Welt überfiel» Danach dachte man in BRD-Regierungskreisen darüber nach, bundesrepublikanischen Neugeborenen ohne Migrationshintergrund (die Gnade der ethnisch andersartigen Geburt, um Helmut Kohl sinnentfremdend zu zitieren — welch‘ hübsches Paradoxon) bei der Entlassung aus der Klinik mit dem üblichen Beutel der Babynahrungsindustrie auch gleich ein Säckchen mit Asche mit ins deutsche Leben zu geben, auf daß es sich tagtäglich damit bestreusele. Seitdem ignoriere ich den SPIEGEL.

Aber zum Ablenken kam mir so etwas heute Abend gerade recht. Und siehe da — dies war gar wohlgetan. Neben den üblichen Sympathie- und Verständnisadressen an diverse linke Hausbesetzer und Autonome kamen in Interviews auch einige wirklich kluge Leute zu Wort. Aber erst gab es etwas zu lachen, als Frau Claudia Roth (Bildunterschrift: Prost, prost… immer rin in de hohle Kopp)  im Wahlkampf zu Zeiten der Rot-Grünen Koalition in Gorleben auf Betroffenheits-Kundgebung gehen wollte und von den Demonstranten gegen das dort geplante Atom-Endlager gnadenlos ausgepfiffen und verjagt wurde. Diese ehemals vehement gegen den Atomstrom eingestellten «Realos» waren angekommen im Establishment. Saßen nun am Futtertrog und überfraßen sich, wähnten aber weiterhin, Nähe zum Widerstand gegen das System transportieren zu müssen. Das ging kräftig in die Hose.

Nein, nicht Frau Roth hat mich beeindruckt, sondern ein mir unbekannter, vielleicht Anfang 40jähriger Theaterregisseur, der vom Widerstand gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahre 2007 berichtete. Der die Brücke zu schlagen verstand zu den gesellschaftspolitischen Problemen unserer Zeit — Generation Praktika, Hartz IV als Lebensform. Und der konstatierte: Jedem, der Augen hat, kann sehen, daß es so nicht weitergeht mit unserem kapitalistischen System. Um es in Neusprech auszudrücken: Das System selbst beinhaltet systemimmanente Fehler. Oder um es mit einer Zeile aus einem Liedtext einer RAC-Musikgruppe zu sagen (RAC = Rock Against Communism): «Das System hat keine Fehler, das System IST der Fehler» (An alle Blogwarte: Der Verweis zu diesem Lied steht nicht im Gegensatz zu meiner selbstverständlich FDGO-getreuen politischen Einstellung. Es gibt also keinen Grund, die Nazi-Keule zu ölen.

Die Schlußfolgerung dieses Regisseurs halte ich für schlüssig: Wenn nun dieses unser vom Establishment aus natürlich eigennützigen Gründen so vehement verteidigt wird, aber ganz sicher dem Orkus geweiht ist — warum es dann nicht bewußt in eben dieses stoßen und etwas neues probieren? Nein, er hat die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, kennt also auch nicht den alleinseligmachenden Weg. Aber er ist bereit, ihn zu beschreiten. Ich auch. Das gefällt mir gut, was der Mann sagte. Alternativ können wir auch weiterhin wie die Lemminge unseren Systembütteln im BRD-System folgen mit bekanntem Ausgang.

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Ich horche wieder auf das Knistern des Eises um  mich herum. Wird es intensiver oder täusche ich mich? Ich spiele, glaube ich, schon wieder «Best Case / Worst Case»: Im besten Fall gelingt die Operation und ich habe danach eine 50:50 Chance, die nächsten fünf Jahre zu überleben. Im schlimmsten Fall überlebe ich die Operation nicht und habe alles hinter mir. Mein Problem: Was ist Best Case? Was Worst Case? Absurdes Theater. Je länger ich grübel, desto mehr steigere ich mich in eine Pseudo-Überzeugung hinein, daß die Übelkeit, die mich fast jeden Tag für zwei, drei Stunden überfällt, Folge meiner nicht mehr funktionierenden Leber ist. Ha! Der Beweis! Dumm nur: Bevor ich vom Befund wußte, hatte ich eben diese Übelkeit meiner leichten Altersdiabetes zugeordnet. Aber sicherheitshalber werde ich morgen, am Montag und am folgenden Montag vom Hausarzt wieder Blut abnehmen lassen und Leberwerte und Tumormarker bestimmen lassen. «Der Doc von der Leberambulanz hat das dringend empfohlen, um eine eventuelle Entwicklung der letzten zwei Wochen vor dem Termin bei ihm nachvollziehen zu können.» werde ich notlügen. Wobei… mein Hausarzt wird wohl gar nichts hinterfragen. Hoffe ich. Und ich werde am Montag versuchen, an die Berichte und Laborwerte meiner Leberbehandlung von 1971 und 1995 zu kommen. Ob es diese Unterlagen wohl noch gibt? Das werde ich ja sehen… ein Versuch lohnt sich jedenfalls.

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Was soll ich heute machen? Es ist Sonntag, der 2. Mai 2010. Ach ja: Ich muß meine Steuerunterlagen für April 2010 sortieren und beim Steuerberater einwerfen, wie ich es versprochen habe. Und ich könnte die 20 p Futura Buch fertig aufstellen, wiegen, photographieren und ins Online-Magazin hochladen. Ein bißchen Umsatz kann nicht schaden. Und was ist mit den Vignetten? Bringt guten Umsatz, Mann. Ach jeh… immer nur arbeiten. Wie ist das Wetter? Mh, geht so, wobei… um großartig wegzufahren, habe ich eh keine Lust. Na, mal sehen. Hauptsache nicht länger grübeln. «Davon bekommst Du nur Löcher im Kopf, Mann…», sagt mein Betriebsnachbar oft. Recht hat er ja. Nur… was nutzt mir Gottes bzw. meines Nachbarn Weisheit, wenn mir für deren Verinnerlichen der notwendige Abstand von meinem individuellen Gemütszustand fehlt? Goar nix. Goar nix. Joh…

  1. Kommentar by thomas weilbuchner — 14. Mai 2010 @ 12:36

    Lieber Autor,
    Ihre texte haben mir freude bereitet.
    Der tipp mit „beth ditto“ auch.
    Wenn ich kraft brauche höre ich gerne:

    Levon Helm – When I Go Away
    Johnny cash – Personal jesus

    Nach einem „Ischämischer Hirninfarkt“ (diagnose in europa).
    haben mir kleine braune kügelchen (dharamsala indien) einer tibetischen Ärztin geholfen.
    Wenn man alles überflüssige – was im übermaß schadet – wegläßt, bleibt liebe.

    thomas

    __________________________
    *freigeschaltet von H.

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