Preußisches Bleisatz-Magazin
Krupp 17

Kindheit auf der Karolingerstraße 23 in Bilk 4.766 views 3

Die Karolingerstraße im Stadtteil Bilk meiner Heimatstadt Düsseldorf beginnt an der Bachstraße, die die nördliche Begrenzung des Bilker Bahnofs darstellt, mit dem Karolingerplatz und ist, laut Google Maps, 2,4 km lang. Nur eine Häuserreihe trennte unser Straßenstück vom Bilker Bahnhof, der seit der Vorkriegszeit bis weit in die 70er Jahre hinein der größte Güterbahnhof Düsseldorfs war. Und somit natürliches Ziel der Terrorangriffe der Alliierten Bomberflotten. Ach so, ja: Wenn ich von Häusern und Häuserreihen spreche, dann meine ich damit 4- oder 5stöckige Mietshäuser, in denen kleine Beamte und Arbeiter wohnten. Mein Milieu halt. Nur hier, in der Karolingerstraße, fließt die Düssel oberirdisch in einem Kanal, dessen Ufer zu beiden Seiten zu meiner Zeit von großen Bäumen eingerahmt waren — ich habe sie auch jetzt genau vor Augen, weiß aber nicht, wie diese Bäume hießen; vielleicht Linden? Sie hatten große, gezackte Blätter und die Rinde am Stamm platzte leicht weg und hinterließ große, helle Flecken. In unserem vordersten Block der Karolingerstraße gab es nur vier, fünf Mietskasernen, die nach dem Krieg für kinderreiche Familien errichtet worden waren. Düsseldorf war im Krieg zu 98 Prozent von den Alliierten zerstört worden. Noch Anfang 1945, als die Amerikaner bereits, von Aachen kommend, den Stadtteil Oberkassel besetzt hatten, haben sie es sich nicht nehmen lassen, die Stadt unter wochenlangen Artillerie-Beschuß zu nehmen. Nur deshalb gehörte das Haus Nr. 23 damals zum ersten bewohnten Block und heute zum zweiten. Dort, wo in den 70er Jahren ein großer Neubau entstand, war in meiner Kindheit das «Plätzchen». Tatsächlich habe ich erst bei der Recherche zu diesem Artikel hier herausgefunden, daß dieser Ort bzw. das, was davon heute noch übrig ist, «Michaelsplatz» heißt. Bis Anfang der 60er Jahre lagen hier Trümmer aus dem Krieg, zerschossene Lkw und Kübelwagen (der Wehrmacht? Ich weiß es nicht mehr). Mein Block bestand aus dem Viereck Karolinger-, Planeten-, Suitbertus-Straße, geschlossen von einer namenlosen kleinen Gasse, zu deren linken sich eine Fischfabrik befand, aus der es stank und einem Zigeunerlager zur rechten, um das wir einen Bogen machten.*)

Meine Familie war dort 1957 eingezogen. Die Familie meiner Mutter war 1944, nach den schweren Luftangriffen am Oberbilker Markt, nach Remscheid-Lennep evakuiert worden. Kurz zuvor war das Krankenhaus in der Kruppstraße von einer schweren Luftmine getroffen worden, die durch den Treppenschacht fiel, den darunter liegenden Fußboden durchschlug und mitten in einem leer gepumpten Schwimmbad explodierte, in der ein halbes Hundert Luftwaffenhelferinnen provisorisch untergebracht war. Die Rettungskräfte haben die Überreste in Eimern aus dem Schwimmbecken geholt. Ich müßte, der political correctness folgend, nun darauf hinweisen, daß wir zuvor als Tätervolk die Welt mit Krieg überzogen hatten. Aber wissen Sie was? Sie können mich ‚mal…

Meine Schwestern sind neun bzw. elf Jahre älter als ich. Zu weit auseinander, als daß wir viel miteinander gemacht hätte, aber wir waren und sind bis heute immer Familie.  Meine älteste Schwester war für mich schon immer auch die große Schwester. Klein, dunkelhaarig und sehr schmal. Komisch, sie scheint Ursache des Frauentyps zu sein, den ich so mag. Hoffentlich liest sie das jetzt nicht. Egal… Sie paßte auf mich auf, wenn Mutter arbeiten ging, hörte sich meine Geschichten an, die ich unentwegt erzählte — Jungs meiner Generation erlebten täglich Abenteuer. Meine mittlere Schwester, treuen Lesern meines Blogs als kommentierende «Schwester Maria» bekannt, hatte nicht selten Grund, mich anzugiften. Aber das lag an der Konstellation der Zeit: Wollte sie mit einem Jungen aus der Nachbarschaft spazierengehen, wurde ich mitgeschickt. Ob mir das angenehm war, weiß ich gar  nicht mehr. Danach wurde damals sowieso nicht gefragt. Es hieß «Nehmt Georg mit.» und fertig. Ich fand diese Jungs immer nur dämlich. Sie gockelten um meine Schwester herum, als sei die etwas besonderes, beachteten mich nicht oder versuchten, mich mit irgendetwas zu beschäftigen, um «freieh Bahn» zu haben. Nicht, daß da jemals auch nur ein Bruchteil dessen passiert wäre, was bei den heute 14jährigen Usus ist, aber die Leute hätten sich ja das Maul zerreissen können. Also fuhr sie Frust und ließ den an mir aus. Und das führte nach dem Ausflug dazu, daß ich unserer Mutter brühwarm erzählte, was sich da abgespielt hatte. Aber ehrlich: Ich habe sie niemals beim Vater angeschwärzt. Der wäre ausgerastet und so übel mitspielen wollte ich ihr nun auch wieder nicht.

Wir wohnten im 4. Stock des Hauses, das über einen vertikalen Treppenschacht von vielleicht 4 m x 4 m Durchmesser verfügte. Es war mir als Junge nicht möglich, die Treppe — jeweils vier, fünfzehn und noch einmal vier Stufen, die spiralförmig an der Außenseite um den Innenschacht herumführte, wie ein normaler Mensch herauf- oder herunterzugehen. Den Weg nach unten sprang ich die Stufen hinunter. Aber erst ab dem 3. Stockwerk, denn dort wohnte Frau Höfer, eine Kriegerwitwe mit Raubvogel-Gesicht, die fürchterlich wettern konnte, wenn ich beim Sprung über 15 Stufen direkt vor ihrer Etagentür aufklatschte. Hinauf kletterte ich ausschließlich außen am Geländer, also freischwebend über dem Treppenschacht, ins 4. Stockwerk. Warum? Weil man das damals so machte als Junge. Für mich waren die Bücher von Karl May, Jules Verne, Mark Twain und Jack London keine Romane, sondern Tatsachenberichte aus anderen Welten, in die ich mit Haut und Haar eintauchte, sie lebte. In dem Sommer, in dem ich Huckleberry Finn las, ich muß wohl acht Jahre alt gewesen sein, habe ich meine Hosentaschen über Wochen gefüllt mit alten Nägeln, geheimnisvollen scharfkantigen und verrosteten Metallstücken, die ich irgendwo gefunden hatte und Regenwürmern. So hatten es Huckleberry Finn und Tom Sawyer auch gemacht. Falls ich überhaupt solche Regenwürmer auf dem Plätzchen fand, dem Ort, an dem ich meine frühe Kindheit verbrachte. Bevor ich in die Schule kam, lernte ich lesen. Einmal im Monat machte meine Mutter mit mir einen Spaziergang zum Antiquariat des Stern-Verlags auf der Friedrichstraße. Dort durfte ich mir für 20 Pfennig ein Buch aussuchen. Und hatte die Qual der Wahl. So habe ich mir in dieser Zeit auch das Lesen von Fraktur-Schrift selbst angeeignet. Es gibt keinen besseren Weg: Wem der Atem vor Aufregung stockt, weil die Kopfjäger auf Borneo gerade dem treuen Diener der Pflanzerfamilie das Herz durchbohrt haben, um seinen Kopf zu nehmen und zu räuchern, den schrecken keine Lang-s und andere Fraktur-Besonderheiten.

Im Frühjahr wurde regelmäßig das Wasser der Düssel gestaut, um die Kanalrinne freizuschaufeln. Oberhalb der Karolingerstraße 23 floß die «Große Dü», die für mich tabu war. Das Wasser war vielleicht einen Meter tief, aber der Schlamm dort hielt einem die Beine fest. Mir blieb die «Kleine Dü», deren Lauf sich an ein unterirdisch fließendes Teilstück unter unserer Häuserreihe anschloß. War das Wasser gestaut, kamen die Ratten aus ihren Nestern und liefen in den Straßen herum. Waren es zuviele, dann zogen die Männer sich Gummistiefel an oder banden die Hostenbeine mit Einmachgummis fest um die Knöchel und gingen die Böschung ab, um die Nester der Ratten auszunehmen. Lange Zeit glaubte ich die Geschichte, daß sie einzelne Ratten fingen, mit Petroleum übergossen und anzündeten. Freigelassen, rannten die dann instinktiv zu ihren Nestern unter den Brücken, so daß sich diese auch entzündeten. Aber ich glaube, da haben sie uns nur ein Märchen aufgebunden. Die Brandgefahr wäre viel zu groß gewesen. Es war normal, frühmorgens auf dem Weg zur Schule einer Ratte zu begegnen, die parallel im Rinnstein lief. Man nahm einen Stein und warf ihn nach ihr. Ein Reflex. «Wo Du eine Ratte siehst, sind zehn, die Du nicht siehst.» Als ich einmal den Müll in den Keller brachte und den schweren eisernen Deckel der Mülltonne öffnete, flitzte eine Ratte aus der Tonne über meine Schultern ab in den Keller. Die Tonnen waren etwa so groß wie ich damals. Ich bekam einen Schreikrampf vor Ekel, bis Frau Baganz kam, die Witwe aus dem Parterre , und mich anpflaumte, ich solle mich nicht so anstellen, die Ratte hätte mich doch gar nicht gebissen. Es war halt damals nicht üblich, wegen so einer Sache eine Doppelstunde beim Psychotherapeuten zu nehmen.

Das einzige Auto auf der Straße gehörte Herrn Claaßen, der im Nachbarhaus ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Ein Dreirad, mit dem er jeden Morgen zur Kronprinzenstraße, zwei Häuserblocks weiter, hinter dem Eingang zum Luftschutzbunker auf der Bachstraße fuhr. Einmal durfte ich mitfahren und so erfuhr ich, daß es außer unserem Block offenbar auch noch andere gab. Zur Kronprinzenstraße weiß ich auch noch einiges zu erzählen. Dort wohnte damals Uli Kranz, mit dem ich jahrelang auf seinem Mofa mit zur Schule fuhr. Aber das erzähle ich vielleicht ein andermal.

Bis heute empfinde ich meine Kindheit in der Erinnerung als wunderschön. Ich weiß heute, daß wir damals sehr wenig Geld hatten. Nein, wir waren nicht arm. Wir waren eine Arbeiterfamilie wie alle anderen in unserem Block auch. Ich habe nie etwas vermißt. Weil ich gar nicht wußte, daß es auch anderes gab. Wochentags gab es sehr oft Eintopf, Möhrengemüse, bis heute eines meiner Leibgerichte. Sonntags gab es manchmal ein großes Stück Suppenfleisch, das mir völlig zuwider war. Grau, mit dickem weißen Fettrand. Der Vater war ganz stolz, daß es dafür gereicht hatte und empfand es wohl als undankbar, wenn ich ablehnte. Ich aß viel lieber die bei uns üblichen Kartoffeln mit Apfelmus. Niemand hatte damals meines Wissens nach Diabetes, Typ II. Auch was wert…

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*) Bevor Sie sich jetzt aufregen: Diese Zigeuner nannten sich mit vollkommener Selbstverständlichkeit genau so, wie wir sie: Zigeuner. Erst viele Jahre später hörte ich einmal, daß sie im III. Reich natürlich im KL gesessen hatten und sich danach von einer Entschädigung der BRD das Grundstück dort gekauft hatten, wo sie in selbst erbauten Baracken lebten und irgendwelchen Geschäften nachgingen. Sie kümmerten sich nicht um uns und wir kümmerten uns nicht um sie. Und irgendwann waren sie weg. Sie haben sich nicht verabschiedet und niemand hat sie vermißt. Uns Kindern war strengstens untersagt, sie zu ärgern oder uns auf ihr Gelände zu begeben. Das wäre uns auch im Traum nicht eingefallen. Sie gehörten weder zur Familie der Roma, noch zu der der Sinti. Dumme Sache, mh? Wie hätten Sie sie denn damals genannt, mh?

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Heute, am 17. Juni 2010, war ich zufällig einmal wieder in der Gegend und hatte Zeit. Und dachte mir, daß es Sie vielleicht interessiert, wenn ich Ihnen ein paar Bilder von der Düssel zeige. Das erste Bild zeigt das letzte Stück der oberirdischen Düssel, bevor sie dann unter dem Haus Karolingerstraße 29 unterirdisch weiterfließt. Hinter dem Teilstück sieht man das Straßenstück mit den Mietshäusern, in denen ich als Kind aufgewachsen bin. Der Charakter dieses Straßenstücks hat sich so sehr verändert, daß ich es nicht photographieren wollte. Es ist anders. Über besser oder schlechter erlaube ich mir kein Urteil.

Die beiden anderen Photos zeigen «Die kleine Dü», die hinter dem Zigeunerlager entlang floß. Man konnte stromaufwärts (Strom ist gut…, die Düssel ist nicht einmal ein Srömchen) durch das kniehohe Wasser stapfen und landete dann in den Hinterhöfen der Karolinger 23. Heute ist dort eine Messebaufirma. Ich glaube, es war der Chef selbst, der dort an seinem Wagen herumschraubte und so freundlich war, mir zu erlauben, hinter seinen Werksgebäuden den Weg am Ufer entlang noch einmal zu verfolgen. Dort hat sich tatsächlich gar nichts verändert in den letzten 50 Jahren. Jetzt, im Sommer, ist es dort sehr idyllisch. Ich glaube, Kinder spielen dort nicht mehr wie noch in unserer Zeit. Sie haben ja heute für alles Termine — Musikschule, Nachhilfe, Sport. «Mama, ich bin unten am Plätzchen spielen.» — «Wenn’s dunkel wird, kommst Du nach Hause.» gibt es heute, glaube ich nicht mehr. Andere Zeiten…

  1. Kommentar by Thomas Kersting — 17. Mai 2010 @ 23:57

    Ja, das sind Erinnerungen! Es ist schon seltsam: Wir waren ohne Fernseher, Walkman, Handy, iPod, PC, MacDonald usw. damals mindestens!!! genauso zufrieden wie „die Jugend von heute“ – und zudem noch aktiver und kreativer. Schaue ich mir den ganzen Sch… äh Mist von heute an, kann ich mich nur wiederholen: Wären nicht die Fortschritte in der Medizin, würde ich doch bitte 50 Jahre früher leben.

    Ich habe Firmen gegründet, viel Geld verdient, Vereine gegründet und ehrenamtlich geführt, um etwas Historisches für die Menschen zu erhalten, eine Familie gegründet und vier Kinder großgezogen, und die Mutter hat uns trotzdem verlassen! An der Reihenfolge der Aufzählung erkenne ich auch das Problem: Hätte ich nicht eigentlich zuerst die Familie, die Menschen nennen sollen?

    Nun bin ich krank und erbringe nur noch einen Bruchteil meiner gewohnten Leistungen. Was ich immer noch habe ist ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen für meine Lieben und mich. Und – was das Schönste ist -: Ich lebe wieder, fühle die Wärme der Sonne auf meiner Haut, kann bei schöner Musik, schönen Erinnerungen oder Erlebnissen weinen! OK, der Winter war lang, und das Feuer des Ofens konnte nicht alle kühlen Gedanken erwärmen, doch jetzt freue ich mich über jedes neue Salatblatt im Garten.

    Steige ich heute die drei Stufen der über 80 Jahre alten Dame (meiner Linotype) herauf, um turnusmäßig (gewohnheitsmäßig) die Einfallbleche der Matrizen zu reinigen, so fließt schonmal eine Träne ob der vielen gemeinsam geschlagenen Schlachten – von denen wir nie eine verloren haben! Kann sich das noch jemand vorstellen? Z.B. den
    Berufsbildungsbericht des DIHT in Bonn von 1979 bis 2004!

    Die Zeit ist nicht der Maßstab – die Gegenwart zählt!
    Thomas Kersting

    PS:. Der Baum dürfte eine Platane sein.

  2. Kommentar by Preuße — 17. Juni 2010 @ 15:35

    Ich habe ein paar aktuelle Bilder von der Düssel ergänzt.

  3. Kommentar by Thomas Kersting — 17. Juni 2010 @ 23:38

    Viel‘ Schönes vergeht und einig‘ Schönes bleibt…
    Wer das richtige Schöne gefunden hat, hat nichts, was ihn vertreibt!

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