Preußisches Bleisatz-Magazin
Alltag

Sonntagmorgen 3.161 views 0

Jemand sagte mir einmal, mein erlernter Beruf des Schriftsetzers passe optimal zu meiner Persönlichkeit. In einer Setzerei hat jedes Teil seinen Platz; und nur dieser eine Platz ist der richtige. Liegt das Teil woanders, liegt es am falschen Platz. Dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur richtig oder falsch. Ich mag richtig oder falsch. Alles andere ist immer nur kompliziert. Und ich mag es gern schlicht. Wie? Ja, sicher. Ich weiß, daß das Leben nicht so ist. Und? Ich komme schon klar. Also was?

So habe ich mir auch mein Leben eingerichtet. Ich lebe nach Möglichkeit nach festen Ritualen. Ich besitze keine Armbanduhr, keinen Wecker. Mein Handy habe ich vor rund fünf Jahren in die Schreibtisch-Schublade gelegt. Dort liegt es gut. Dennoch bin ich immer pünktlich. Zuspätkommen empfinde ich als arge Unhöflichkeit. Und das Handy? Nun ja. Es klingt vielleicht snobistisch, aber ich bin einfach nicht so wichtig, als daß ich immer und jederzeit erreichbar sein muß. Bin ich nicht  an meinem Schreibtisch, auf dem das Telefon steht, dann bin ich mit irgend etwas beschäftigt, vielleicht auch unterwegs. Dann mag ich nicht telefonieren. Es reicht doch, wenn der Anrufer eine Nachricht hinterläßt. Ich rufe dann schon irgendwann zurück. Seit ich keinen Wecker mehr habe — und das sind nun bestimmt schon 20 Jahre — hat sich mein Bio-Rhythmus nach dem Sonnenaufgang gerichtet. Wenn es hell wird, werde ich ganz von allein wach. Das ist sehr angenehm, denn ich mag keine Dunkelheit, kurz, nachdem ich aufgewacht bin. Also schlafe ich im Winter bis 8 Uhr und im Sommer stehe ich kurz nach 5 Uhr auf.

Der Sonntagmorgen gehört allein mir. An allen anderen Tagen habe ich nichts dagegen, wenn Besuch kommt oder jemand anruft. Auch abends bin ich durchaus noch kommunikationswillig. Nur der Sonntagmorgen — der gehört allein mir.

Sonntagsmorgens frühstücke ich immer. Frühstück ist, zumindest für mich, die schönste Mahlzeit des Tages. Wochentags muß eine Tasse Kaffee ausreichen, aber sonntags ist das anders.

Ich lege eine Tischdecke auf. Ich habe nur eine. Aus schwerem nicht gebleichtem Leinen mit grünen Handstickereien darin. Es gibt eine ganze Kanne mit Kaffee, ich koche mir zwei Eier, halbweich, und bestreiche drei Scheiben frischen Rosinenstuten vom Bäcker mit guter Butter, Sahnequark und leckeren Marmeladen. Da bin ich eher Traditionalist. Am liebsten mag ich Erdbeer- und Aprikosen-Marmelade. Für den deftigen Teil gibt’s Schwarzbrot mit Lachs und einer Scheibe Tomaten darauf — von diesen länglichen, italienischen, die richtig Biß haben und ein köstlich starkes Aroma verströmen, wenn man hineinbeißt.

So ein Frühstück dauert bei mir leicht länger als zwei Stunden. Ich lege immer wieder Pausen ein, rauche eine Gauloise, lese in der Rheinischen Post. Früher habe ich oft die ZEIT gelesen, aber seit Herr Josef Joffe dort Chefredakteur wurde, lese ich die nicht mehr. Meist halte ich auch ein gutes Buch griffbereit. Aber nur belletristisches, passend zum Frühstück. Und Musik brauche ich. Vorige Woche hörte ich Achim Reichels Volxlieder. Herrlich. Diese tiefe männliche Stimme, die voller Energie Hohe Tannen singt und Die Gedanken sind frei. Was müssen das schöne Zeiten gewesen sein, als sie das noch waren. Die Gedanken. Wobei: Waren sie es je?

Zum Abschluß schaue ich dann ein wenig aus dem Fenster. Satt, warm, zufrieden.
Zu profan das alles? Ah, wah… Ich brauch nicht mehr.

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