Preußisches Bleisatz-Magazin
Krupp 17

Jungs ticken anders 4.541 views 0

Ich weiß nicht, wie der Junge hieß. Es ist auch nicht wichtig. Er steht für einen der vielen Achtjährigen, wie sie im Jahre 1963, mit dem Kopf in ihrer eigenen Welt, herumliefen. Eine Welt aus Schatten und Lichtgestalten, edlen Kämpfern, bösen Feinden und so gar keiner Prinzessin im Turm, die irgendwelche Erwartungen an sie stellte. Das würde erst viel später kommen. Also nennen wir ihn einfach „der Junge“.

Fünfzehn Minuten vor acht. Der Junge war knapp dran und er wußte: Kam er zu spät zum Unterricht, gab es zumindest einen bösen Blick der Lehrerin. Oder das Bambusstöckchen pfiff über die Finger seiner ausgestreckte Hand. Dann galt es, die Hand freiwillig hinzustrecken, keinen Mucks zu geben, nicht zu zucken und vor allem nicht loszuheulen beim schneidenden Schmerz. Niemals. Nicht vor ihr, der Lehrerin, nicht vor den anderen Jungs in der Klasse.

So lief er, den Tornister auf dem Rücken, im Rinnstein an den vierstöckigen Mietskasernen seines Zuhauses entlang, wie es seine Art war. Mit dem linken Fuß im Rinnstein, mit dem rechten auf der ersten Stufe des Bordsteins. An der nächsten Kreuzung wechselte er die Straßenseite. Man konnte nie wissen, wer einem folgte. Es galt in jedem Fall, die Spur zu verwischen. Nur diesem Ritual folgend konnte er sicher sein, daß ihn die Feinde nicht erwischten.

Jetzt kam die Querstraße. Dahinter der Block mit den kleinen Einfamilienhäusern. Hier gab es keine Bordsteine. Hier begann der Dschungel der Schattenflecken. Der Junge wußte, was passieren würde, wenn sein Fuß keinen der zum Teil doch recht weit auseinanderliegenden Schatten traf, sondern eine sonnenüberflutete Gehwegplatte. Er würde zerbritzelt. In Sekundenschnelle verdampft, gebraten, vom Feuer verschlungen. „… nur noch so groß wie ein verbrannter Laib Brot.“ — Den inhaltlichen Zusammenhang der Geschichte aus dem Krieg hatte er nicht verstanden. Aber seine Paten-Tante hatte es gesagt. Und die mußte es wissen, denn im Krieg war sie bei der Freiwilligen Feuerwehr gewesen. Beim Gedanken daran verwandelte sich der Junge in Ernst Achilles, den tapfersten Feuerwehrmann Deutschlands, über den das Buch aus der Pfarrbücherei berichtete, daß die Mutter ihm mitgebracht hatte. Nun mußte er in der schweren Montur der Feuerkämpfer seinen Weg fortsetzen, komplett mit Helm, den der über den Kopf gezogene Tornister ersetzte.

Endlich kam er zur Pfarrkirche, auf deren linker Hand seine Volksschule auf ihn wartete. Eine weite, unbebaute Strecke lag nun noch vor ihm. Das gefährlichste Teilstück seiner Strecke als Melder zum Regimentsstab, völlig ohne Deckung. Hatte er Zeit, so nahm er den Weg durch die Kirche. Ging zum Hauptportal hinein, kniete im Mittelgang kurz nieder, um Ihn zu grüßen und wischte durch die Sakristei zum Nebenausgang wieder heraus. Die Kirche war für ihn ein selbstverständlicher Ort, denn er war St.-Georgs-Pfadfinder. Traf er den Herrn Pfarrer, riskierte er einen leicht zweifelnden Blick zu ernten, ob mit seiner Anwesenheit auch alles seine Richtigkeit habe. Eine Rüge jedoch befürchtete er nicht. Traf er den Kaplan, konnte es passieren, daß dieser sich ihm auf den letzten 100 m anschloß, denn er unterrichtete in seiner Schule.

Heute war keine Zeit für diesen Weg, die Meldung mußte mußte zum Oberst, das Schicksal der Kameraden hing davon ab. Ohne zu zaudern, begann der Junge zu rennen. Zu rennen, so schnell, daß ihn die Lungen schmerzten. Er wußte: Hier war die Front, es galt, das Niemandsland zu überwinden. Nur Schnelligkeit würde ihn retten vor den Geschoßgarben der MG und den Schrapnells der Ratschbumm, des gefürchteten russischen Feldgeschützes. Diese Ratschbumm, deren Splitter dem Vater die linke Rückenseite zerrissen hatte vor Kursk am Orel, wo die größte Panzerschlacht der Welt stattgefunden hatte. Er rannte, er flog geradezu. Er hastet die letzten Meter die Freitreppe hinauf zum Eingang. Geschafft. Seine Hand schlug mit dem Gong zum Beginn der Stunde auf den Griff des Schultores. Die letzten 50 m trabte der Junge, stolz und zufrieden, die gefährliche Mission des morgendlichen Schulganges hinter sich gebracht zu haben, zum Klassenzimmer, in dem die Kameraden ihn erwarteten.

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